Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

594  Sechster  Teil.  Volkswirtschaftliche  Zustände  in  Amerika.

arbeit  in  ihren  Räumen  aufnehmen,  ihnen  Kontors  und  Bureaus  rc.  zur  Verfügung
stellen.  .  .  .
Die  Amerikaner  haben  stets  das  Bestreben,  überall  das  Größte  und  Beste  in
der  Welt  zu  haben,  und  in  marktschreierischer  Weise  rühmen  sie  das,  was  sie  besitzen,
als  das  Größte,  Schönste  und  Hervorragendste.  Sie  scheinen  nicht  zufrieden,  wenn
sie  nicht  im  Superlativ  von  dem  reden  können,  was  sie  selbst  und  ihre  Stadt  und  ihr
Land  besitzen,  und  so  ist  aus  diesem  Charakterzuge  der  echten  Jankees  das  Streben
erwachsen,  überall,  in  der  Landwirtschaft,  im  Handel  und  in  der  Industrie,  aber  auch
in  den  Veranstaltungen  für  Kunst  und  Wissenschaft  sich  ins  Große  auszudehnen.
Es  würde  viel  zu  weit  führen,  wenn  ich  Beispiele  dafür  aus  allen  Gebieten
anführen  wollte.  Denken  Sie  nur  an  die  großen  Etablissements,  die  man  drüben
mit  Riesenkapitalien  geschaffen  hat,  an  die  wir  in  Deutschland  und  in  Europa  gar
nicht  heranreichen,  an  die  großen  Trustverbände,  die  bis  400  Millionen  Jl  werbendes
Kapital  in  ihren  Händen  vereinigen,*)  gewaltige  Etablissements,  die  alles,  was  sich
neben  ihnen  im  eigenen  Lande  als  Konkurrent  hervordrängt,  rücksichtslos  beiseite  schieben
Denken  Sie  z.  B.  an  die  großartigen  Schlächterfirmen,  die  im  Vergleich  zu
unseren  Großschlächtereien  gar  nicht  genannt  werden  können,  von  denen  die  eine
Firma  Swift  &  Comp,  in  Chikago  im  Jahre  1898  einen  Umsatz  von  158  Millionen
Dollars,  zirka  6  3  0  M  i  ll  i  o  n  e  n  -ll,  zu  verzeichnen  hatte  an  verkauftem  Fleisch  und
tierischen  Produkten.  Ja,  das  find  Geschäfte,  so  großartig,  daß  die  unseren  nicht  annähernd ­
  an  sie  heranreichen.  Nicht  weniger  als  18  000  Gesellen  und  Gehilfen  aller
Art  beschäftigt  dieser  eine  „Schlächtermeister",  750  Schweine  müssen  stündlich  ihr
junges  Leben  bei  ihm  lassen,  4000  Ochsen  werden  täglich,  2%  Millionen  Schafe  und
Lämmer  jährlich  „verarbeitet".  4000  eigene  Eisenbahnkühlwagen  besorgen  den  Versand ­
  der  Waren  nach  allen  Himmelsrichtungen  und  Weltgegenden.
Denken  Sie  ferner  an  die  großen  Mühlenetablissements  von  St.  Paul  und
Minncapolis,  deren  größtes  täglich  70  000  Bufhels  Weizen,  also  etwa  38  000  Zentner
vermahlt.  Nehmen  Sie  all  die  Eisenwerke,  die  heute  schon  die  größten  der  Welt  sind,
deren  vortreffliche  technische  Einrichtungen  es  ermöglicht  haben,  daß  Amerika  schon
imstande  ist,  alle  Länder  Europas  auf  dem  Gebiete  der  Eisenproduktion  zu  überflügeln ­
  und  mit  seinen  Erzeugnissen  auch  außerhalb  der  eigenen  hohen  Zollschranken
au!  dem  Weltmarkt  die  allerempfindlichste  Konkurrenz  zu  machen.
Noch  auf  ein  anderes  darf  ich  dabei  wohl  hinweisen.  Man  spricht  so  oft  davon,
daß  in  Amerika  alles  besonders  teuer  fei.  AIs  ich  vor  neun  Jahren  zum  erstenmal
die  neue  Welt  betrat,  hatte  ich  denselben  Eindruck.  Was  hier  im  Durchschnitt  zu  einer
Mark  gerechnet  wird,  kostete  drüben  einen  Dollar.
Jetzt  ist  das  nicht  mehr  die  Regel.
Wenn  man  früher  behauptete,  es  sei  immer  noch  kein  schlechtes  Geschäft,  nach
Europa  zu  fahren,  sich  dort  mit  Kleidung,  Wäsche  und  Schuhzeug  zu  versorgen,  man
verdiene  noch  immer  die  Reisekosten  an  den  billigen  Preisen  dieser  Bedarfsartikel,  so
stimmt  diese  Rechnung  heute  absolut  nicht  mehr.  Ganz  vortreffliches  Schuhzeug  ist
zur  Zeit  drüben  zu  niedrigerem  Preise  zu  bekommen,  als  man  hier  dafür  bezahlt.
Die  gewöhnlicheren  Kleiderstoffe  kauft  man  dort  bereits  für  weniger  Geld  als  bei  uns
in  Deutschland,  und  für  Möbel  und  Wohnungseinrichtungen  sind  tatsächlich  die  Preise
so  niedrig  normiert,  daß  die  große  Masse  des  Volkes,  die  nicht  Luxuswaren  kaufen
will,  sondern  sich  mit  den  Erzeugnissen  der  Massenindustrie  begnügt,  ihr  Heim  billiger
sich  einzurichten  vermag,  als  das  in  Deutschland  der  Fall  ist.
Die  großartige  Möbelfabrikation,  die  im  Norden  der  Vereinigten  Staaten  sich
etabliert  hat  und  für  den  ganzen  Kontinent  von  Nordamerika  die  Massenprodukte

*)  s.  auch  unten  S.  600  f.  —  G.  M.
            
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