Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

4.  Arbeit  und  Rhythmus.  47
hängig  sind.  Auch  soziale  Rücksichten  können  die  Beschleunigung  gewisser  Arbeiten
gebieten.
Beim  Zusammenarbeiten  einer  größeren  Menschenzahl  sind  zwei  Fälle  möglich.
Im  ersten  bleiben  die  einzelnen  Arbeiter  bei  ihren  Verrichtungen  in  den  Zeitmomenten ­
  der  Kraftaufbietung  unabhängig  voneinander,  und  ihr  Zusammenwirken
erfolgt  nur  zu  dem  Zwecke  einer  rascheren  Erledigung  des  Pensums.  Wir  wollen
diesen  Fall  als  einfache  Arbeitshäufung  bezeichnen.  Beispiele  bieten:
mehrere  Maurer  an  einem  Neubau,  eine  Reihe  Pflasterer  auf  der  Straße,  eine
Gruppe  Schneeschaufler  oder  Erdarbeiter,  eine  Zeile  Schnitter  oder  Rübenhacker;
Zwischenform:  eine  Schar  afrikanischer  Träger,  die  im  Gänsemarsche  hintereinander
ziehen,  die  Treiber  bei  einer  Jagd,  mehrere  Pflüger  auf  einem  Ackerfelde.
Im  zweiten  Falle  erfolgen  die  Bewegungen  der  einzelnen  Arbeiter  nicht  unabhängig ­
  voneinander,  sondern  entweder  alle  zu  gleicher  Zeit  oder  abwechselnd  in
gleichen  Zeitabständen,  —  immer  also  in  taktmäßiger  Weise.  Wir  wollen  diese
Art  der  Arbeitshäufung  Arbeitsverkettung  nennen,  weil  sie  sozusagen  jeden
einzelnen  Beteiligten  in  der  Zeitfolge  seiner  Bewegungen  an  seinen  Nachbar  bindet
und  alle  vermittelst  des  Taktes  zu  einer  gegliederten  Einheit,  gleichsam  zu  einem
automatisch  wirkenden  Arbeitskörper  zusammenfaßt.  Alle  hierher  gehörigen  Arbeiten
müssen,  wenn  sie  längere  Zeit  fortgesetzt  werden,  rhythmischen  Verlauf  annehmen.
Es  gibt  natürlich  auch  solche,  welche  mit  einer  einmaligen  Kraftaufbietung  vollendet
sind,  z.  B.  das  Heben  einer  Last  durch  mehrere  auf  Zählkommando,  das  Umreißen
eines  Baumstammes  an  einem  Seile.
Die  rhythmisch  verlaufenden  Arbeiten  dieser  Art  lassen  sich  wieder,  je  nachdem
die  Bewegungen  der  einzelnen  gleichzeitig  oder  wechselweise  erfolgen,  in  Gleichtakt-Arbeiten ­
  und  Wechseltakt-Arbeiten  einteilen.
Gleichtakt-Arbeiten  verrichten  z.  B.  die  beiden  Rudererreihen  auf  einem
Ruderschiff,  die  Schiffleute  beim  Aufwinden  des  Ankers,  dem  Hissen  der  Segel,
dem  Treideln  eines  Fahrzeuges  gegen  den  Strom,  die  Zimmerleute,  welche  vermittelst
der  Zugramme  bei  Fundamentierungsarbeiten  große  Pfähle  in  den  Boden  eintreiben, ­
  die  Faßzieher,  wie  überhaupt  alle  Arbeitergruppen,  welche  durch  gemeinsames ­
  Ziehen  an  einem  Seile  eine  Last  bewegen  müssen,  die  2,  4,  6  oder  8  Träger
einer  Bahre  oder  Sänfte,  die  Soldaten  auf  dem  Marsche.  Sehr  häufig  wird  das
Takthalten  bei  der  Arbeit  durch  einfaches  Zählen  oder  durch  einen  Chorgesang
der  Arbeiter  oder  durch  den  Ton  eines  Instruments,  besonders  der  Trommel,
unterstützt.
Wechseltakt-Arbeiter  find:  drei  Steinsetzer,  welche  im  Takt  mit  ihren
Handrammen  die  Pflastersteine  feststoßen,  drei  oder  vier  Drescher  auf  der  Tenne,
zwei  Schmiede  beim  Zuschlagen,  zwei  Zimmerleute  an  der  Sägegrube  oder  beim
Behauen  eines  Stammes,  zwei  Mägde  beim  Bläuen  der  Wäsche  oder  beim  Teppichklopfen. ­

Bei  den  im  Gleichtakt  zu  vollziehenden  Arbeiten  handelt  es  sich  darum,  eine
Gesamtleistung,  welche  die  Kraft  eines  einzelnen  bei  weitem  übersteigt,  mit  einer
Mindestzahl  von  Arbeitern  dadurch  zu  bewältigen,  daß  alle  Mitarbeitenden  veranlaßt
werden,  die  höchste  Kraftaufbietung  auf  den  gleichen  Zeitpunkt  zu  verlegen.
Bei  den  Arbeiten  im  Wechseltakt  liegen  gewöhnlich  Aufgaben  vor,  welche  an
sich  von  einem  einzelnen  vollzogen  werden  könnten.  In  der  Regel  sind  es  schwere
Arbeiten,  bei  welchen  die  einzelnen  Bewegungen  (z.  B.  Heben  und  Senken  der  Arme
beim  Schlagen  mit  dem  Dreschflegel)  längere  Zeit  bedürfen.  Der  einzelne  Arbeiter
ist  hier  immer  in  Versuchung,  nach  jedem  Schlage  oder  Stoße  sich  eine  kleine  Ruhepause ­
  zu  gönnen,  und  verliert  dadurch  das  Gleichmaß  der  Bewegungen.  Die  Schläge
oder  Stöße  folgen  in  verschiedenem  Stärkeverhältnis  und  in  ungleichen  Zeitfristen
            
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