Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

Schnitzer  im  Aufbau  seines  Systems  nicht  erspart  bleiben.  Endlich ­
  äußert  sich  der  Mangel  an  kritischer  Durchbildung  des
Urteils,  auch  ein  charakteristisches  Merkmal  der  liberalen
Schule,  bei  Molinari  in  besonderer  Weise  in  der  Kühnheit,
mit  welcher  er  Hypothesen,  ganz  oder  halbirrige  Behauptungen
und  falsche  Deutungen  tatsächlicher  Verhältnisse  als  feststehende
Resultate  der  Wissenschaft  behandelt 1 ).
Dagegen  verdient  das  Unterfangen,  das  freiwirtschaftliche
Prinzip  historisch  und  evolutionistisch  zu  fundamentieren,  genau
wie  bei  D  uno  y  er  und  Coure  eil  e-Seneuil,  Anerkennung.
Bis  ein  solches  Unternehmen  aber  einen  definitiven  wissenschaftlichen ­
  Wert  beanspruchen  kann,  muß  ein  umfassenderer  Ausbau ­
  der  historischen  und  evolutionistischen  Soziologie,  als  ihn
Comte  und  Spencer  bieten,  und  als  überhaupt  heute  erreicht
ist,  abgewartet  werden.  Zur  Begründung  des  Freihandelspostulates ­
  und  der  Weltfriedensbestrebungen  wird  man  immerhin  bei
Molinari  brauchbare  Ideen  finden.
Frédéric  Passy,  geb.  20.  Mai  1822  in  Paris,  studierte  Jurisprudenz ­
  und  trat  als  „auditeur“  beim  Staatsrat  in  Paris  ein
Er  verließ  jedoch  bald  die  Verwaltungslaufbahn  und  widmete
sich  dem  Unterrichtsfach.  Unter  dem  zweiten  Kaiserreich  war
er  Professor  der  Nationalökonomie  an  den  Lehrerseminarien  der
Departements  Seine  und  Seine-et-Oise,  sowie  an  mehreren  Privatschulen. ­
  1863—65  hielt  er  eine  Reihe  von  Propagandakursen
in  mehreren  Städten  des  Südens  (Bordeaux,  Toulon,  Nizza  usw.)
ab.  1874—1902  hatte  er  die  Professur  für  Nationalökonomie
an  der  Ecole  des  Hautes  Etudes  Commerciales  inné.  1881—89
war  er  Mitglied  der  Abgeordnetenkammer.  Heute  lebt  er  zurückgezogen ­
  in  Neuilly  bei  Paris.
Frédéric  Passy,  der  Friedensapostel,  ist  eine  auch  in
Deutschland  wohlbekannte  und  gern  gesehene  Persönlichkeit.
Seit  vierzig  Jahren  ist  er  einer  der  Vorkämpfer  der  internationalen ­
  Friedensbestrebungen.  Er  erhielt  den  ersten  Friedenspreis ­
  der  Nobelstiftung  (1901).  Sehr  treffend  charakterisiert  ihn
Professor  Ch.  Gide  in  folgendem:  „F.  Passy  ist  der  Apostel  der

0  Vgl.  H.  Pesch,  8.  J.  loc.  cit.  p.  162.
            
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