132
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
unseres Erachtens eine glückliche Verbindung der historischen
Methodik der deutschen Nationalökonomie mit dem naturgesetz
lichen Klassizismus dar.
Levasseur fühlt sich wesentlich als Wirtschaftshistoriker.
Er legt Wert darauf, nicht mit den Theoretikern der liberalen
Schule in eine Kategorie gereiht zu werden, und beruft sich auf
Roscher als auf seinen Lehrmeister, dem er die Orientierung
seiner wissenschaftlichen Laufbahn verdanke 1 ). Die Abneigung
gegen die reinen Theoretiker der klassischen Schule führt
Levasseur hie und da dazu, die Kontinuität zwischen den
Autoren der ersten und denen der zweiten Hälfte des XIX. Jahr
hunderts zu leugnen oder innerhalb des Klassizismus zwei
Schulen zu unterscheiden, eine theoretische und eine experi
mentelle 2 ).
1 ) „Andere erklären, die Volkswirtschaftslehre sei eine Wissenschaft,
welche nur eine sehr beschränkte Zahl von Beobachtungen benötige, um ihre
grundlegenden Gesetze auf solide Basen zu stellen. Sie sind überzeugt, daß die
Vielfältigkeit der Details der Geschichte nichts zu dem stets gleich bleibenden
Wesen der Erscheinungen beitrage, ja daß dieselbe sogar den Nachteil habe,
die Klarheit der wissenschaftlichen Deduktion zu trüben, weil sie nämlich nur
akzidentelle Unterschiede aufweist. Nach ihnen ist es unmöglich, eine Theorie
der Naturgesetze auf dem Haufen von Irrtümern aufzubauen, die in den
menschlichen Gesellschaften wimmeln. Diese Volkswirte sind reine Theoretiker,
welche die politische Ökonomie als eine ganz rationelle und deduktive Wissen
schaft auffassen. . . . Die Volkswirte der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts
sind hauptsächlich Theoretiker gewesen; Ricardo und Rossi gehören zu dieser
Kategorie. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts haben die historische For
schung , die Beobachtung der Erscheinungen, die Sorge für die Lage der
Menschen größere Bedeutung gewonnen. Indem sie den Horizont erweiterten,
haben sie gewisse Gesetze bestätigt und andererseits den Glauben erschüttert,
den man in die Universalität anderer bis dahin gehabt; Roscher ist einer der
ersten gewesen, welche den neuen Weg gebahnt haben. Auf dessen Spuren bin
ich vor etwa vierzig Jahren durch das Tor der Geschichte in das Gebiet der
Wirtschaftswissenschaft eingetreten.“ L’Ouvrier Américain, Paris, 1898, Bd. I,
p. XI. XII.
Vgl. die Stelle: „Die theoretische Schule stellt die Volkswirtschaftslehre
dar und lehrt sie in ihrer ganzen Ausdehnung oder in einem ihrer Teile ver
mittels einer methodischen Verkettung von Lehrsätzen und gelangt durch die
deduktive Methode zu logischen und einfachen Schlußfolgerungen. Die experi
mentelle Schule (d. i. er selbst), welche sich auf die Geschichte stützt, stellt sie
(die Volkswirtschaftslehre) in konkreter Weise dar, indem sie bestrebt ist, ihre
Beweisführung auf positive Beweise zu stützen. Die Beobachtung bewahrt diese
Schule vor der Gefahr, die Fühlung mit der Wirklichkeit zu verlieren und be-