Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
unseres Erachtens eine glückliche Verbindung der historischen 
Methodik der deutschen Nationalökonomie mit dem naturgesetz 
lichen Klassizismus dar. 
Levasseur fühlt sich wesentlich als Wirtschaftshistoriker. 
Er legt Wert darauf, nicht mit den Theoretikern der liberalen 
Schule in eine Kategorie gereiht zu werden, und beruft sich auf 
Roscher als auf seinen Lehrmeister, dem er die Orientierung 
seiner wissenschaftlichen Laufbahn verdanke 1 ). Die Abneigung 
gegen die reinen Theoretiker der klassischen Schule führt 
Levasseur hie und da dazu, die Kontinuität zwischen den 
Autoren der ersten und denen der zweiten Hälfte des XIX. Jahr 
hunderts zu leugnen oder innerhalb des Klassizismus zwei 
Schulen zu unterscheiden, eine theoretische und eine experi 
mentelle 2 ). 
1 ) „Andere erklären, die Volkswirtschaftslehre sei eine Wissenschaft, 
welche nur eine sehr beschränkte Zahl von Beobachtungen benötige, um ihre 
grundlegenden Gesetze auf solide Basen zu stellen. Sie sind überzeugt, daß die 
Vielfältigkeit der Details der Geschichte nichts zu dem stets gleich bleibenden 
Wesen der Erscheinungen beitrage, ja daß dieselbe sogar den Nachteil habe, 
die Klarheit der wissenschaftlichen Deduktion zu trüben, weil sie nämlich nur 
akzidentelle Unterschiede aufweist. Nach ihnen ist es unmöglich, eine Theorie 
der Naturgesetze auf dem Haufen von Irrtümern aufzubauen, die in den 
menschlichen Gesellschaften wimmeln. Diese Volkswirte sind reine Theoretiker, 
welche die politische Ökonomie als eine ganz rationelle und deduktive Wissen 
schaft auffassen. . . . Die Volkswirte der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts 
sind hauptsächlich Theoretiker gewesen; Ricardo und Rossi gehören zu dieser 
Kategorie. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts haben die historische For 
schung , die Beobachtung der Erscheinungen, die Sorge für die Lage der 
Menschen größere Bedeutung gewonnen. Indem sie den Horizont erweiterten, 
haben sie gewisse Gesetze bestätigt und andererseits den Glauben erschüttert, 
den man in die Universalität anderer bis dahin gehabt; Roscher ist einer der 
ersten gewesen, welche den neuen Weg gebahnt haben. Auf dessen Spuren bin 
ich vor etwa vierzig Jahren durch das Tor der Geschichte in das Gebiet der 
Wirtschaftswissenschaft eingetreten.“ L’Ouvrier Américain, Paris, 1898, Bd. I, 
p. XI. XII. 
Vgl. die Stelle: „Die theoretische Schule stellt die Volkswirtschaftslehre 
dar und lehrt sie in ihrer ganzen Ausdehnung oder in einem ihrer Teile ver 
mittels einer methodischen Verkettung von Lehrsätzen und gelangt durch die 
deduktive Methode zu logischen und einfachen Schlußfolgerungen. Die experi 
mentelle Schule (d. i. er selbst), welche sich auf die Geschichte stützt, stellt sie 
(die Volkswirtschaftslehre) in konkreter Weise dar, indem sie bestrebt ist, ihre 
Beweisführung auf positive Beweise zu stützen. Die Beobachtung bewahrt diese 
Schule vor der Gefahr, die Fühlung mit der Wirklichkeit zu verlieren und be-
	        
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