Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
Den Gedanken, daß die verschiedenen volkswirtschaft 
lichen Schulen und Richtungen nützlich sind und sich gegen 
seitig ergänzen, betont Levasseur ebenso sehr als Dietzel und 
Marshall 1 ). Vor den meisten Nationalökonomen der liberalen 
Schule zeichnet er sich dadurch aus, daß er die Methode, 
welche er für die seinige ausgibt, tatsächlich allenthalben mit 
großer Gewissenhaftigkeit und eiserner Konsequenz anwendet. 
Das will natürlich nicht sagen, daß die Deduktion in seinen 
Werken keinen Platz finde. Die Signatur seiner Werke bleibt 
aber: wissenschaftliche Selbstlosigkeit, Liebe zur Tatsache um 
ihrer selbst willen, geduldige, unermüdliche Detailforschung. 
Auf den Inhalt der einzelnen Werke Levasseurs soll 
nur ganz kurz eingegangen werden. 
Aus seiner französischen Bevölkerungsgeschichte 2 ) induziert 
er eine Bevölkerungstheorie in 17 Sätzen, welche sich etwa wie 
folgt zusammenfassen lassen : Die Summe der Einwohner, welche 
ein bestimmtes Territorium tragen kann, hängt ab von : 
1. den natürlichen Eigenschaften des Bodens und des Klimas ; 
2. der Summe der vorhandenen Kapitalien, dem Stand 
der Technik und der Arbeitsfreudigkeit der Bewohner, alles 
Momente, welche die Produktivität der Arbeit vermehren; 
3. der Ausdehnung der Absatzmärkte, die den Tausch von 
Fabrikaten gegen Nahrungsmittel ermöglichen; 
einer im XIX. Jahrhundert formulierten Theorie zu messen. Man muß viel 
mehr zunächst die Handlungen und die Einrichtungen jeder Epoche in ihren 
Beziehungen zu den Sitten und Bedürfnissen ihrer Zeit darstellen und sie dann 
an sich durch ihre Resultate beurteilen.“ Histoire . . . avant 1789, Bd. I, p. XV. 
1) Levasseur, L’Ouvrier américain, Bd. I, p. XIV—XV. 
2 ) Levasseur, La Population Française. Histoire de la Population avant 
1789 et Démographie de la France comparée à celle des autres nations au 
y TX me siècle, précédée d’une Introduction sur la Statistique, 3 Bde. Paris, 1889, 
91 und 93. Mit vielen Tabellen und graphischen Darstellungen. 
Das Werk ist in 4 Bücher eingeteilt. Buch I: Geschichte der Bevölke 
rung Frankreichs vor 1789, versucht die großen Wandlungen darzutun, welche 
im Lauf der Jahrhunderte in Zahl, Verteilung und materieller Lage der Ein 
wohner vor sich gegangen sind. Natürlich sind die Materialien historischen 
Quellen entnommen, die nur selten und für ganz beschränkte Quanten zuver 
lässige , wirklich statistische Daten bieten. Der Schätzung ist also ein breiter 
Spielraum gelassen. Buch II: Vergleichende Demographie des XIX. Jahrhunderts. 
Buch III : Moralstatistik. Buch IV : Bevölkerungsgesetze und Gleichgewicht der 
Völker.
	        
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