Full text : Die Frau und die Arbeit

114

wird  man  bei  genauerer  Untersuchung  finden,  daß  es  sich
um  rein  künstlich  Erzeugtes  handelt,  da  bei  andern  Rassen
oder  Klassen  dieselben  Sexualmerkmale  nicht  existieren.
So,  wenn  im  modernen  Europa  von  unwissenden  Beurteilern
  der  Frau  eine  dem  Manne  fremde,  natürliche  Vorliebe ­
  für  farbige  Gewänder  und  Schmuck  zugeschrieben
wird,  während  die  Beobachtung  anderer  Rassen  und  vergangener ­
  Epochen  lehrt,  daß  der  Mann  oft  noch  mehr
darauf  hielt,  sich  prächtig  zu  kleiden  und  mit  glänzenden
Juwelen  zu  schmücken,  oder,  wenn  bei  manchen  wilden
Stämmen  der  Gebrauch  des  Tabaks  als  ein  ausschließlich ­
  weibliches  Prärogativ  gilt,  während  in  der  modernen
Gesellschaft  das  Tabakrauchen  mit  Männlichkeit  in  Verbindung ­
  gebracht  wird.*
*  Die  Männer  der  heutigen  wilden  Stämme  mit  ihrer  Bemalung,  ihren
Federn,  Katzenschwänzen  und  ihrem  Halsschmuck  sind  unendlich  auffallendere, ­
  geputztere  Erscheinungen  als  ihre  Weiber,  selbst  wenn  diese
mit  Perlen  und  Armringen  zum  Tanz  geschmückt  sind.  Die  Männer  des
Orients  konnten  manchmal  unter  der  Last  ihres  Schmuckes  kaum  aufrecht ­
  gehen  und  vor  einigen  Jahrhunderten  waren  die  Männer  Europas
mit  ihren  gepuderten  Perrücken,  Spitzen-Jabots,  Manschetten  und  falschen ­
  Edelsteinschnallen,  ihren  federgeschmückten  Dreimastern  und
Schönheitspflästerchen  ganz  ebenso  lächerlich  in  ihrer  Überladenheit  wie
die  gleichgestellten  Frauen  ihrer  Zeit  oder  die  parasitischesten  Frauen
der  Jetztzeit.  Sowohl  bei  Klasse  als  Individuum,  bei  Mann  wie  Frau  ist
eine  starke  Vorliebe  für  Putz  und  auffallenden  Schmuck  fast  immer  die
unabänderliche  Begleiterscheinung  und  Folge  des  Parasitismus.  Wenn
die  parasitische  Frau  aus  unserer  heutigen  Gesellschaft  verschwinden
würde,  so  würde  auch  jene  französische  Mode  mit  all  ihren  grotesken
und  gezwungenen  Formen  (die  weder  schön,  noch  nützlich,  sondern  nur
auffallend  sein  wollen)  aussterben.  Das  Maß,  in  dem  heute  eine  Frau,  die
nicht  der  parasitischen,  sondern  einer  arbeitenden  Schicht  angehört,  den
Moden  der  ersteren  zu  folgen  sucht,  kann  gewöhnlich  als  fast  sicheres
Zeichen  angesehen  werden  für  die  Leichtigkeit,  mit  der  sie,  sobald  die
Gelegenheit  sich  bietet,  dem  Parasitismus  anheimfallen  würde.  Die  Neigung ­
  der  heutigen  gebildeten,  geistig  arbeitenden  Frau,  eine  rationellere
Art  des  Anzugs  anzunehmen,  die  weniger  geeignet  ist,  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  sich  zu  lenken,  als  Bequemlichkeit  zu  bieten  und  den  Wegfall
alles  Behindernden,  wird  oft  als  ein  Versuch  sklavischer  Nachahmung
des  männlichen  Wesens  bezeichnet.  Tatsächlich  aber  sind  es  nur  die
gleichen  Ursachen,  die  gleiche  Wirkungen  auf  menschliche  Wesen  mit
gemeinsamen  Eigenschaften  ausüben.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.