Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  gegenwärtige  Lage  der  liberalen  Schule

dings  haftet  ihr  ein  Geburtsfehler  an:  ihr  liegt  die  mystische
soziologische  Auffassung  zugrunde,  daß  die  Entwicklung  der
menschlichen  Gesellschaften,  gleich  der  der  tierischen  Organismen, ­
  eine  spontane,  unbewußte  sei.  Levasseur,  der  den  Wert
der  Idee  für  den  Klassizismus  erkannte,  greift  sie  in  seinem
Bericht  an  die  Akademie  über  die  eingereichten  Preisaufgaben
auf,  versucht  sie  von  ihrer  seichten,  positivistischen  Grundlage  zu
befreien  und  zeichnet  sie  mit  einer  Klarheit,  welche  die  konfuse
Denkweise  Jourdans  nicht  zu  erreichen  vermochte.  Dabei
wahrt  Levasseur  vorzüglich  die  Kontinuität  der  klassischen
Lehre,  indem  er  die  neuen  Aufgaben,  welche  dem  Staate  mit
der  steigenden  Kultur  erwachsen,  als  einen  Ausfluß  der  staatlichen ­
  Funktion,  die  Sicherheit  zu  gewährleisten,  hinstellt.  Mit
der  Zunahme  der  individuellen  Freiheit  und  dem  Anwachsen
der  Gütermenge  steigt  das  Sicherheitsbedürfnis  der  Gesellschaft.
Am  Staate  ist  es,  in  zielbewußter  Weise  durch  Gesetzgebung  und
Verwaltung  für  die  Befriedigung  dieses  Bedürfnisses  zu  sorgen.
Dem  unentwegten  Verfechter  der  Orthodoxie  mag  diese
Auffassung  als  eine  schiefe  Ebene  erscheinen,  auf  die  es  gefährlich ­
  ist,  sich  zu  begeben.  Uns  deucht  aber  der  von  Jourdan ­
  und  Levasseur  eingeschlagene  Weg  für  die  Zukunft  der
liberalen  Lehre  von  fundamentaler  Bedeutung  zu  sein.  Geht
die  Schule  diesen  Weg,  so  haben  die  zurzeit  im  interventionistischen ­
  wie  im  nichtinterventionistischen  Lager  Frankreichs  sich
lebhaft  bemerkbar  machenden  Bestrebungen,  zu  einer  einheitlichen
Lehre  zu  gelangen,  alle  Aussicht  auf  Erfolg.  Wir  werden  noch
wiederholt  Gelegenheit  haben,  auf  diesen  Punkt  zurückzukommen. ­

Emile  Worms,  ein  geborener  Luxemburger,  war  Professor
der  Nationalökonomie  an  der  juristischen  Fakultät  in  Rennes;
er  lebt  seit  einigen  Jahren  zurückgezogen  in  Paris,  wo  er  regen
Anteil  an  den  soziologischen  Arbeiten  seines  Sohnes  René
Worms  nimmt 1 ).

Von  diesen  im  IV.  Buch.
Emile  Worms  ist  Verfasser  mehrerer  Handbücher  der  Nationalökonomie,
welche  für  mittlere  und  Primärschulen  bestimmt  sind.  Er  hat  außerdem  ein
Lehrbuch  der  Einanzwissenschaft  verfaßt  (2  Bde.,  Paris  1891),  sowie  eine  Reihe
von  finanzwissenschaftlichen  und  vornehmlich  deutsche,  wirtschafts-  und  ideengeschichtliche ­
  Themata  behandelnden,  kleineren  Schriften.  Seine  grundsätzlichen
            
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