Full text: Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule 
geschlossen werden. Es gibt keine französische, englische oder 
deutsche Nationalökonomie. Die Kunstlehren sind einer Epoche 
und einem Milieu eigen und können national sein. Die Wissen 
schaft stellt die Tatsachen und deren Beziehungen fest, aber 
beurteilt sie nicht. Sie stellt die Wirklichkeit dar und fragt 
nicht, ob diese gut oder schlecht ist. Die Kunstlehre ist nicht 
denkbar ohne Urteil über die Tatsachen, welche zu ändern oder 
hervorzubringen sind. Die Wissenschaft genügt sich selbst. 
Sie erforscht die Gesetze der Erscheinungen, ohne fremde oder 
höhere Grundlage. Die Kunstlehre braucht dagegen als Grund 
lage nicht nur die von der Wissenschaft formulierten Gesetze, 
sondern sie setzt ein Ideal voraus, zu dessen Verwirklichung 
sie die besten Mittel ausfindig zu machen hat“ *). 
Edmond Villey, Dekan der juristischen Fakultät in Caen, 
ist Eklektiker. Seine Grundstimmung ist jedoch die des laisser 
faire; darum ist er an dieser Stelle zu behandeln 2 ). 
Villey erhebt sich gegen die Begriffsbestimmung der 
Nationalökonomie als „science des richesses“ und gegen den 
„homo oeconomicus“ der klassischen Schule. „Erstens ist der 
Reichtum,“ sagt er, „nicht Zweck, sondern Mittel, und zweitens 
existiert er nur mit Bezug auf den Menschen, denn der Mensch 
teilt den zur Befriedigung seiner Bedürfnisse geeigneten Dingen 
die Gutseigenschaft erst mit. Die Güterwelt kann folglich nicht, 
unter Absehen vom Menschen, welcher deren Prinzip und Zweck 
und folglich der wirkliche Gegenstand der Nationalökonomie ist, 
behandelt werden. Betrachtet man aber den Menschen aus 
schließlich in seiner Eigenschaft als Gütererwerber, indem man 
von seinen Gedanken, Gefühlen, Leidenschaften, sittlichen Eigen 
schaften, insofern sie nicht direkt auf die Güterwelt Bezug 
haben, absieht, so betrachtet man ein Gebilde der Phantasie, 
1) Zu diesen Ausführungen von F. Faure vgl. J. N. Keynes, Scope and 
Method of Political Economy, p. 31—80. 
2 ) Von Villeys Schriften sind zu nennen: 
Du Rôle de l’Etat dans l’Ordre Economique (dieser Schrift wurde der 
Rossipreis der Académie des Sciences Morales et Politiques für 1878, exaequo 
mit der oben im I. Buch besprochenen Arbeit Jourdans, zuerkannt; Villeys 
Standpunkt in der Frage des Interventionismus ist demjenigen Jourdans sehr 
ähnlich). Paris, Guillaumin, 1882. — Le Socialisme Contemporain, Paris, Guil 
laumin, 1895. — L’Oeuvre économique de Charles Dunoyer, Paris, Larose, 1892. 
— Principes d’Economie Politique, 3. Aufl. Paris, Alcan, 1905.
	        
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