Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Vorgeschichte

197

war  als  junger  Arzt  Schüler  St.  Simons  geworden.  Als  die  Saint-Simonistische
  Gemeinde  daran  ging,  sich  unter  Lazard  und
Enfantin  als  religiöse  Genossenschaft  zu  konstituieren,  trat
Bûchez  mit  A.  Comte  aus.  Unter  dem  Einfluß  der  Saint-Simonistischen
  Idee,  die  soziale  Reorganisation  der  Gesellschaft
sei  nur  auf  der  Basis  religiöser  Gefühle  möglich,  wandte  sich
Bûchez  zum  Katholizismus.  Diese  Idee  beherrschte  zeitlebens
sein  wissenschaftliches  Denken  und  seine  sozialpolitische  Tätigkeit.
Bûchez’  Hauptwerk  ist  die  Introduction  à  la  Science  de
l'histoire.  Er  wendet  sich  an  die  Geschichte  zur  Lösung  der
Frage  nach  den  Ursachen  der  sozialen  Erscheinungen.  Dabei
geht  er  von  der  Annahme  aus,  daß  in  allen  sozialen  Tatsachen
ein  gewisses  Etwas  sich  vorfinden  muß,  das  die  Erhaltung  des
gesellschaftlichen  Zusammenlebens  bewirkt.  Dieses  gewisse
Etwas,  das  Gesetz  des  gesellschaftlichen  Lebens  der  Menschheit,
will  er  erforschen.  „Die  Geschichtswissenschaft,“  schreibt  er,
„ist  die  Gesamtheit  der  Arbeiten,  deren  Zweck  ist,  durch  Erforschung ­
  der  historischen  Tatsachen  das  Gesetz  der  Entstehung ­
  der  sozialen  Erscheinungen  zu  finden,  so  daß  man
die  Zukunft  des  Menschengeschlechtes  voraussehen  und  die
Gegenwart  durch  diesen  Blick  in  die  Zukunft  beleuchten  könne“  *).
Auf  die  Geschichtsforschung  versucht  Bûchez  die  naturwissenschaftlichen ­
  Methoden  der  Beobachtung  und  der  Hypothese
zu  übertragen.  Die  Gesellschaftswissenschaft,  zu  der  er  gelangen
will,  soll  eine  soziale  Physik  oder  Physiologie  sein.  „Die  Geschichtswissenschaft,“ ­
  meint  er,  „beruht  auf  zwei  Ideen  :  der  des
Fortschrittes  und  der  der  Analogie  der  Fähigkeiten  der  Menschheit
mit  denen  des  Individuums“.  Die  Idee  des  Fortschrittes  setzt
voraus  :  1.  die  geistige  Kontinuität  der  Art,  eine  auf  dasselbe
Ziel  gerichtete,  einheitliche  Betätigung  der  aufeinander  folgenden
Generationen  ;  2.  die  Idee  der  Progressivität,  indem  jede  neue
Tatsache  sich  an  die  vorhergehenden  anlehnt,  aber  jeweils  vollkommener ­
  ist,  als  die  früheren.  Die  Analogie  der  Fähigkeiten
der  Menschheit  mit  denen  des  Individuums  bildet  ihrerseits  die
Grundlage  der  Politik 2 ).
Man  kann  nicht  behaupten,  daß  es  Bûchez  gelungen  sei,
*)  Bûchez,  Introduction  à  la  Science  de  l’histoire,  1833,  p.  1.
*)  Vgl.  M.  Eblé,  Les  Ecoles  catholiques  d’économie  politique  et  sociale  en
France,  Paris,  1905,  p.  33  ff.  und  Bûchez,  loc.  cit.
            
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