Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  liberale  Schule

daß  ihre  Wahrheit  nicht  mehr  geleugnet  werden  kann.  Ebenso
die  Erkenntnislehre  Descartes’  und  der  Physiokraten:  die
absolute  Wahrheit  nimmt  eine  für  die  menschliche  Vernunft
unmittelbar  faßbare  Form  an:  die  Evidenz.  Diese  Evidenz,  die
Katalepsis  der  antiken  Stoiker,  ist  nach  den  Physiokraten  ihren
Lehren  eigen.  Die  Folge  davon  ist,  daß  jeder  vernünftige
Mensch,  dem  sie  vorgetragen  werden,  sich  zu  ihnen  bekennen
muß.  Sollte  aber  einer  so  verblendet  sein,  dies  nicht  zu  tun,
so  hat  die  Staatsgewalt  ihn  mit  allen  Mitteln  des  Zwanges
in  jene  Lage  absoluter  wirtschaftlicher  Freiheit  zu  setzen,
welche  die  physiokratische  Lehre  als  die  evident  richtige
hinstellt.
Der  Optimismus,  welcher  der  physiokratischen  Lehre  eigen
ist  und  die  liberale  Schule  Frankreichs  bis  heute  charakterisiert,
ist  schon  in  der  stoischen  Anschauung  von  der  Übereinstimmung ­
  der  natürlichen  und  der  sittlichen  Ordnung  gegeben.
Das  Streben  nach  dem  größtmöglichen  Gewinn  ist  zugleich  das
sittlich  Gute,  das  Gerechte.  Idealisiert  wird  jedoch  dieser  Optimismus ­
  noch  durch  den  Deismus  Descartes’  und  Ma  lehr  anches. ­
  Dieser  Deismus  gipfelt  in  der  Idee  vom  providentiellen
Finalismus:  die  göttliche  Vorsehung  leitet  die  natürliche  Gesellschafts- ­
  und  Wirtschaftsordnung,  wie  die  ganze  Natur  durch
unwandelbare,  ewige  Gesetze,  welche  die  bestmöglichen  sind
und  die  größtmögliche  Glückseligkeit  des  Menschengeschlechtes
bezwecken.  Diesem  Walten  der  göttlichen  Vorsehung  soll  der
Mensch  keine  Schranken  entgegensetzen.  Für  ihn  ergibt  sich
aus  der  Existenz  einer  bestmöglichen  „ordre  naturel“  die  Richtschnur ­
  :  „laisser  faire,  laisser  passer“.  Sich  selbst  überlassen
wird  das  Wirtschaftsleben  sich  naturnotwendig  in  der  für  die
Allgemeinheit  vorteilhaftesten  Weise  entwickeln.
Man  kann  die  physiokratische  Ideenwelt  um  zwei  Prinzipien ­
  gruppieren:
1.  Es  gibt  eine  natürliche  Ordnung  der  menschlichen  Gesellschaften ­
  ;
2.  Der  Ackerbau  (die  Rohproduktion)  allein  ist  produktiv.
Die  natürliche  Ordnung  ergibt  sich  aus  den  Naturgesetzen.
Der  physiokratische  Begriff:  „Naturgesetze“  ist  weder  mit  dem
Montesquieu  sehen  („les  rapports  nécessaires  qui  dérivent  de
la  nature  des  choses“),  noch  mit  dem  der  modernen  Wissen-
            
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