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Der Solidarismi] s
völlige Umwälzung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Er
steht selbst an der Spitze eines Verbandes von Konsumvereinen,
welche allerdings einen harten Stand den Kleinhändlern und
den sozialistischen Kooperativen gegenüber haben. Die Gide-
sehen Konsumvereine haben ihre Anhänger zumeist unter der
hugenottischen Bevölkerung Frankreichs; da sie ihre Jahres
versammlungen in Nîmes abzuhalten pflegen, hat man ihnen
den Namen: Schule von Nîmes beigelegt 1 ). Hier die Hauptzüge
des hochzielenden Programms der „Schule von Nîmes“ : Die
schweren wirtschaftlichen und sozialen Schäden der Gegenwart
sind das Werk des Kapitalismus. Den Konsumenten, nicht den
Produzenten, liegt es ob, die Gesellschaft zu reorganisieren,
weil die Konsumenten notwendigerweise das allgemeine Interesse
zum Ausgangspunkte nehmen, während die Produzenten nur
das berufliche Interesse im Auge haben. Zur Erreichung ihres
Zieles, der Verwirklichung der Gerechtigkeit in der Wirtschafts
ordnung, brauchen die Konsumenten weiter nichts, als sich zur
Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse, der materiellen, intellek
tuellen, ästhetischen, sittlichen, religiösen, zusammenzuschließen.
Zunächst werden sie alles, was sie nötig haben, direkt bei den
Produzenten kaufen; wenn die Konsumgenossenschaften dann
reich und zahlreich genug geworden sind, werden sie selbst in
eigenen Fabriken und auf eigenem Boden alles produzieren,
was sie brauchen. Dadurch eignen sie sich den Gewinn des
Zwischenhändlers und des Produzenten an, aber sie behalten
davon nur, was zur Ausdehnung der Bewegung nötig ist; der
Rest geht teils an die Mitglieder zurück nach Maßgabe ihrer
Käufe, teils als Gewinnbeteiligung an die Arbeiter der konsum-
genossenschaftlichen Betriebe. Besser noch wird es sein, wenn
die Konsumverbände durch Hergäbe von Kapitalien an Pro
duktivgenossenschaften, die sich in ihrem Schoße bilden, die
Entwicklung auch dieser Genossenschaftsform fördern.
Von den zahlreichen und großen Wirkungen, die Gide
i) Der Gideache Konsumvereinsverband „Union coopérative des sociétés
françaises de consommation" besitzt ein Verbandsorgan „l’Emancipation“, das
monatlich erscheint und von Gide redigiert wird. Seit 1893 veröffentlicht der
Verband ferner jährlich einen „Almanach de la Coopération française“. Auch
dieser wird zum größten Teil von Gide verfaßt; er verfolgt Propagandazwecke
und wendet sich in erster Linie an die Arbeiterbevölkerung.