456
Der Solidarismus
kommt, einen Gedanken vorzutragen, der sich schon bei Comte
findet, verfehlt er nicht, die meist packende Formulierung, die
jener ihm gegeben, zu zitieren. Auch ist der Positivismus Comtes
nicht so ganz spurlos an Gide vorübergegangen. Was an Bau
steinen für Historismus und Evolutionismus bei Comte vor
handen ist, stellt Gide in helles Licht. Die Solidaritätsidee
hat er in erster Linie bei Comte und den Fourieristen geschöpft.
Der pessimistische Zug, den er bei ihr in den Vordergrund
stellt, kommt von anderswoher : wahrscheinlich von Ruskin,
Ibsen, Tolstoi. Bei den Soziologen Renouvier, Secretan und Fouillée
fand er bereits einen umfassenden Ausbau des Solidaritäts
gedankens sowie Ansätze zu seinem Kooperatismus und seiner
heutigen Eigentumslehre.
Eine schwache Seite, aber zugleich auch eine starke der
Schriften Gides liegt in der bewußten Unfertigkeit mancher
Grundanschauungen. Man fühlt so gut heraus, daß den Ver
fasser die Ansicht, die er vorträgt, nicht voll befriedigt, und
daß sein Geist ruhelos weiter nach besseren Lösungen strebt;
so z. B. sieht Gide seine Werttheorie, in der er sich mit Marshall
trifft, im Grunde nicht für definitiv an, ebensowenig wie er sich
mit der sozialen Nützlichkeit als alleiniger Grundlage des Privat
eigentums, wie sehr er auch glaubt, sich dafür entschieden zu
haben, zufrieden zu geben vermag. Auch bezüglich der Zukunfts
aussichten des Genossenschaftswesens, besonders der Produktiv
genossenschaften, will es ihm nicht gelingen, aus schmerzlichen
Schwankungen herauszukommen. In solchen Fällen überträgt
die. Unbefriedigtheit des Autors sich auf den aufmerksamen
Leser. Andererseits ist es aber auch ein schätzenswerter Vorzug,
statt sich von vornherein auf die eine oder die andere Kategorie
festzulegen, in die alle späteren Beobachtungsresultate wohl oder
übel untergebracht werden, die Geschmeidigkeit des Geistes zu
bewahren, die sich in der Bereitschaft und dem Streben äußert,
bisherige Ansichten den Fortschritten der wissenschaftlichen Er
kenntnis anzupassen.
Der Solidarismus oder Kooperatismus Gides läuft auf
ein großzügiges, soziales Reorganisationsprogramm hinaus, das
dem korporativen Ideal der Sozialkatholiken sehr nahe kommt.
Weniger wie de la Tour du Pin und Abbé Naudet ist es Gide
gelungen, den utopischen Charakter, der den Quellen eignet,