482
Die Nationalökonomie bei den Philosophen und Soziologen
Ausgangspunkt ist jedoch nicht ein individual-, sondern ein
inter psychologisch er. Unter „Interpsychologie“ versteht er „die
Erforschung der Erscheinungen des durch ein anderes Ich
beeinflußten Ichs 1 )“. Jede Beeinflussung eines Ichs durch ein
anderes Ich erzeugt ein soziales Band. Es gibt davon zwei
Gattungen oder besser Grade: 1. Das stärkere Band, das aus
der geistigen Ähnlichkeit, die durch die Einwirkung eines Ichs
auf ein anderes erzeugt ward, entsteht. Diese Einwirkung ist
erst einseitig und strebt danach gegenseitig zu werden. Beispiele
derselben sind das Band, das Eltern und Kinder, Lehrer
und Schüler, überhaupt alle Menschen, die gewohnt sind,
zusammen zu leben, zu arbeiten, mit einander verbindet.
2. Das schwächere Band, das bei nicht auf einander einwirkenden
Subjekten aus der Ähnlichkeit hervorgeht, die in
jedem von ihnen durch die Einwirkung eines dritten Subjektes
erzeugt wurde. Diese Kategorie umfaßt die Mehrheit der Leute,
die demselben sozialen Milieu angehören. Ohne sich zu kennen,
sind sie durch zahllose unsichtbare Fäden miteinander verbunden,
durch jene Denk-, Rede-, Fühl-, Handlungsweisen, die
ihnen gemeinsam sind, weil sie von denselben Erfindern herrühren.
Es ist nun eine allgemein beobachtete Tatsache, daß in
jeder „interpsychologischen“ Gemeinschaft eine von einem Einzelnen
entdeckte neue Idee oder Handlung, die den Eindruck
höherer Wahrheit oder Nützlichkeit macht, die Tendenz hat,
sich andern Personen mitzuteilen; diese werden sie ihrerseits
wiederum weiter verbreiten. Damit sind die beiden Grundtatsachen
des sozialen Lebens gegeben : Erfindung und Nachahmung.
Wie aber das soziale Leben nur eine Kategorie des
universellen Lebens, der universellen Harmonie, welche die gesamte
Erscheinungswelt umfaßt, darstellt, so sind auch die Erfindung
und die Nachahmung nur Arten der großen Gattungen Anpassung
und Wiederholung 2 ).
Die Harmonien, die sich wiederholen, können sich manchmal
ausnahmsweise durch ihre bloße Begegnung miteinander in
Einklang setzen und so eine höhere Anpassung bilden. Meistens
') G. Tarde, Psychologie économique, Bd. I, p. 112.
2 ) Tarde, ibid. p. 4 ff.