Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  liberale  Schule

Die  Staatsintervention,  die  Baudrillart  verlangt,  beschränkt ­
  sich  auf  :  Unterricht,  öffentliche  Arbeiten,  Volkskredit,
Schutz  der  Frauen-  und  Kinderarbeit  und  Armenunterstützung*).
In  den  Beziehungen  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitern  haben
gegenseitiges  Wohlwollen  und  Nächstenliebe  zu  herrschen,  sollen
nicht  die  aus  der  strikten  Rechtsordnung  sich  ergebenden  Beziehungen ­
  zur  Bewahrheitung  des  Spruchs:  „Summum  jus,
summa  injuria“  führen 2 ).
Wie  man  sieht,  sind  Bau  drill  arts  Interventionismus  und
„Anleihen  bei  der  Gefühlsmoral“  recht  schwächlich.  Deren  Bedeutung ­
  liegt  nicht  in  ihnen  selbst,  sondern  in  der  moralphilosophischen ­
  Begründung  der  grundsätzlichen  Einmischung  des
Staates  ins  Wirtschaftsleben.
Der  Moral  der  Selbstvervollkommnung,  dem  Utilitarismus,
entnimmt  Baudrillart  das  Element  des  Eigeninteresses  als  eines
fruchtbaren  und  berechtigten  Beweggrundes  für  das  wirtschaftliche ­
  Handeln  des  Menschen.  Dieses  Eigeninteresse  aber  hebt
er  scharf  ab  von  verwerflichem  Egoismus  und  versucht,  ihm
eine  höhere  sittliche  Weihe  zu  geben  :  es  geht  auf  in  der  höheren
Einheit  des  Individuums 3 ).  Das  Individuum  steht  im  Zentrum
des  sittlichen,  wie  des  Wirtschaftslebens.  Als  Zweck  und  Bestandteil ­
  jeder  gesellschaftlichen  Organisation  ist  es  das  wesentliche ­
  Prinzip  der  Nationalökonomie.  Das  Individuum  wird  zur
Tätigkeit  veranlaßt  durch  das  Pflichtgefühl.  Es  tritt  wirtschaftlich ­
  handelnd  auf  in  der  Arbeit.  Die  Arbeit  ist  eine  exklusiv

b  ibid.  p.  107.
2 )  ibid.  p.  108.  Für  das  Fabriksystem  liegt  der  Kernpunkt  des  sittlichen
Problems  in  der  Notwendigkeit  der  Erhaltung  der  Familie,  der  sittlichen  Reinheit ­
  der  Frau,  der  Unschuld  und  der  physischen  Kraft  des  Kindes.  Zum  Teil
kann  hier  die  Gesetzgebung  helfen  durch  Schutzmaßregeln  für  Frauen-  und
Kinderarbeit.  Wirksamer  aber  als  alle  staatlichen  Mittel  wird  immer  der  Einfluß ­
  der  Sitten  sein.  Auf  diese  vermögen  Wohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber ­
  für  die  Arbeiter,  Erziehung  zu  Häuslichkeit  und  wirtschaftlichen  Tugenden
sowie  Religiosität  bessernd  einzuwirken  (ibid.,  p.  357  ff.).
8 )  „Es  ist  nicht  richtig  zu  behaupten,  das  Bewußtsein  der  Individualität
gehe  in  Eigeninteresse  auf.  Jenes  begreift  die  Gefühle  der  Pflicht  und  der
persönlichen  Würde  in  sich,  sowie  überhaupt  alles,  was  dem  Menschen  eine  hohe
Idee  von  seinem  sittlichen  Werte  gibt.  Sicher  aber  ist,  daß  das  Eigeninteresse
einen  integrierenden  Bestandteil  der  Individualität  ausmacht.“  (Des  rapports
usw.,  p.  138).
            
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