Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Die  Gruppe  der  Unentwegten

73

stattliche  Reihe  von  Schriften.  Auch  heute  handhabt  der
90jährige  die  Feder  noch  unermüdlich.
Professor  Gide  nennt  Molinari  „das  menschgewordene
Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage“,  den  Mann,  welcher  „den
typischen  Liberalismus  besser  als  irgend  ein  anderer  Volkswirt
in  Frankreich  und  auch  vielleicht  im  Auslande  vertritt 1 ).“  Tatsache ­
  ist,  daß  kein  klassischer  Volkswirt,  selbst  D  uno  y  er
nicht,  alle  Erscheinungen  des  Wirtschaftslebens  mit  solch  durchgreifender ­
  Konsequenz  in  das  Prokrustesbett  der  universellen
und  permanenten  Naturgesetze  zu  zwängen  weiß,  wie  Molinari.
Die  Nationalökonomie  tritt  bei  ihm  im  Gewände  der  evolutionistischen
  Soziologie  Herbert  Spencers,  auf.  Dabei  soll  sie
natürlich  einzig  und  allein  auf  Geschichte,  Beobachtung  und
Erfahrung  aufgebaut  sein.  Aus  Geschichte,  Beobachtung  und
Erfahrung  hat  Ch.  Darwin  die  grundlegenden,  biologischen
Naturgesetze  der  natürlichen  Auswahl  und  der  Anpassung  oder,
wie  Spencer  sagt,  des  „survival  of  the  fittest“  gewonnen.  In
nationalökonomischer  Prägung  heißen  diese  Gesetze  bei  Molinari: ­
  das  Gesetz  der  Kraftersparnis  und  das  Gesetz  der  Konkurrenz. ­
  Dazu  kommen  noch  das  Gesetz  der  Progression  der
Werte  und  allenfalls  das  Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage,  und
das  Prokrustesbett  für  die  gesamte  wirtschaftliche  Erscheinungswelt ­
  ist  fertig 2 ).
Das  Gesetz  der  Kraftersparnis  ist  nichts  anderes  als  das
ökonomische  Prinzip.  Beobachtung  und  Erfahrung  lehren,  daß
das  Leben  nur  durch  beständige  Assimilation  von  Kräften  erhalten ­
  und  entwickelt  werden  kann.  Die  Natur  liefert  den  Geschöpfen ­
  nur  einen  Teil  dieser  Kräfte  ;  die  andern  müssen  diese
sich  selbst  erwerben.  Dieser  Erwerb  geschieht  unter  dem  Antrieb ­
  von  Lust  und  Unlust.  Kraftausgabe  und  Kräftemangel
erzeugen  Unlust  oder  Leiden,  Kraftzuwachs  bedeutet  Lust.  Auf
welcher  Stufe  der  Schöpfung  sich  ein  Wesen  befinden  mag,  es
flieht  die  Unlust  und  sucht  die  Lust.  Darum  wendet  es  die

*)  Ch.  Gide,  Neuere  Strömungen  in  der  volkswirtschaftlichen  Literatur
Frankreichs,  in  Schmollers  Jahrbuch,  1895,  p.  707.
2 )  Dieser  Ideenkreis,  dessen  Darlegung  Molinari  zahlreiche  Schriften  gewidmet ­
  hat,  ist  am  zusammenhängendsten  in  dem  Werke  Notions  fondamentales
d'économie  politique  et  programme  économique,  Paris  1891,  zum  Ausdruck  gelangt.
Die  folgenden  Ausführungen  halten  sich  in  der  Hauptsache  an  dasselbe.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.