Full text : Die Arbeiterfrage

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mich  einmal  fragten,  was  ich  Nietzsche  innerlich  verdanke,
wußte  ich  das  noch  nicht  so  recht.  Sie  wissen,  daß  ich  lange
zur  Sozialdemokratie  gehörte,  und  können  sich  denken,  daß  ich
dort  viel  vom  Endziel  gehört  habe.  Das  Endziel,  das  dort  Zukunftsstaat ­
  heißt,  ist  aber  das  Endziel  gar  nicht.  Das  Endziel
ist  der  Mensch.  Wie  klein  erscheinen  mir  die  radikalen  Theoretiker, ­
  die  nur  einen  Weg  zu  diesem  Ziele  wissen,  die  Eroberung ­
  der  politischen  Macht.  Wie  glücklich  sind  dagegen  jene,
um  wieviel  werden  sie  immer  voraus  sein,  die  Nietzsches  Worte
sich  eingeprägt  haben.  Tausend  Wege  giebt  es,  nun  sieh  Du
zu.  Und  am  Beispiel  des  Menschen  hat  Nietzsche  mir  gezeigt,
daß  dem  tiefsten  Sinn  des  Lebens  nur  entspricht,  was  dem
allgemeinen  Empor  des  Weltgeschehens  entgegenkommt  und
mit  dem  anvertrauten  Pfund  des  Lebens  wuchern  will.  Das
Leben  aber  erhöhen  ünd  vermehren  wir  durch  Verinnerlichung
und  Vergeistigung.  Denn  nur  was  wir  vergeistigen,  was  Uns
bewußt  wird,  erleben  wir  wirklich  und  vermehrt  so  unser  Leben.
Alles  unterhalb  dieser  Grenze  ist  Vegetation  etc.  etc.“
Schopenhauer  wurde  auch  mit  heißem  Bemühn  gelesen.
Der  gallige  Ton  des  großen  Pessimisten  hat  ihn  anscheinend
populär  gemacht  bei  der  von  atomisierter  Arbeitsweise  überfallenen, ­
  reizbaren  Psyche  des  Arbeiters.  Interessante  Ergebnisse ­
  brachte  auch  die  Korrespondenz  über  die  pantheistischen
Mystiker,  wie  Kant,  Goethe,  Lessing  etc.
Es  wäre  eine  lohnende  Aufgabe,  die  Einwirkungen  festzustellen, ­
  die  Karl  Marx  Lehre  der  technologischen,  materialistischen ­
  Geschichtsauffassung  auf  die  Arbeiter  gezeitigt  hat.
Daß  die  Wert-  und  Mehrwertlehre  populär  geworden,  konnte
nicht  festgestellt  werden,  aber  der  ihr  zugrunde  liegende  Gedanke, ­
  daß  die  menschliche  Arbeit  Schöpferin  aller  gesellschaftlichen ­
  Werte  sei,  klingt  doch  überall  durch.  Praktisch  erlebt
der  Arbeiter  Karl  Marx  Lehren  ja  täglich.*  Der  Händler  stellt
die  warmen  gewirkten  Hemden  im  Schaufenster  aus  und  weiß
von  ihnen  nichts,  als  daß  sie  Geld,  Profit  bringen  sollen.  Der
Kunde  sieht  sie,  weiß,  daß  sie  wärmen  und  im  übrigen  Geld
kosten.  Die  frierende  Frau,  die  sie  gewirkt  hat,  und  nun  selbst
nicht  kaufen  kann,  weil  der  schmale  Lohn  selbst  verzehrt  ist,
sieht  diese  Hemden  mit  anderen  Gefühlen  und  Gedanken.  Vor

*  Karl  Renner,  Kampf,  1910.
            
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