Die Frühromantik.
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schwunden. Der Zusammenhang mit der Vergangenheit wenig—
stens der Antike war bewußt geworden, der Apfel vom Baum
der Erkenntnis gepflückt: die Wissenschaft zog ein und begann die
Antike zu sondieren und zu analysieren: ihr vollster künstlerischer
Zauber war gebrochen. Um so mehr trat aber damit für den
Künstler das christliche Mittelalter hervor: die Zeiten, da der
seraphische Fra Angelico, da Signorelli und Duccio, da Gozzoli
geschaffen hatten. Dies eben waren die Meister, die die deutschen
Ankömmlinge mit hungriger Seele suchten; und ihre Werke
bildeten für sie den reichsten, längere Zeit hindurch fast den
einzigen Inhalt der alten Urbs impeérialis, der Hauptstadt
des modernen Konservatismus. Und so ließen sie sich denn,
zusammen mit anderen Gesinnungsgenossen, die ihnen, so na⸗
mentlich Cornelius im Jahre 1811, folgten, am heiligen Orte,
in dem kürzlich aufgehobenen Kloster San Isidoro nieder und
begannen, bald durch eine Reihe junger Berliner, die der
literarischen Romantik eng verwandt waren, Philipp und
Johannes Veit und die beiden Schadows, Söhne des alten
Gottfried, verstärkt, ein besonderes künstlerisches Leben zu
führen. In frommer Beschaulichkeit malten sie nur heilige
und Legendengeschichten nach dem Vorbild der alten italienischen
Künstler zwischen Giotto und Raffael und allenfalls der Deutschen
vor 1520. Dabei verzichteten sie in ihren strengen Tafeln auf
alle Vorteile der Olmalerei; durchaus zeichnerisch war ihre
Darstellung gehalten, und das Gezeichnete wurde nur durch—
koloriert: der Hintergrund meist hell, der Vordergrund in
tieferen Farben, die Modellierung teils im helleren Ton der
Lokalfarben, teils ins Weiße hinein. So verblieb die Tiefen—
wirkung wesentlich der Linearperspektive: aber auch diese nahmen
sie im Sinne des späteren Mittelalters und verstärkten ihre
Bedeutung nicht etwa durch Zuhilfenahme einer stärkeren
Perspektive der Luft: jeder Gegenstand wurde wie in nächster
Nähe gesehen gemalt, so daß die scharfen Umrisse volle Kulissen⸗
wirkung ergaben. Dabei wollten sie je länger je mehr nichts
wissen von den einschmeichelnden Farbenspielen des Rokokos,
von Graugrün etwa und Graurot, von Graublau und Graugelb;