Full text: Die Theorie der Volkswirtschaft

39 
Zucht und Landwirtschaft dar. Sogar jetzt, wo die Agrikultur 
technik eine relativ entwickelte ist, geschieht der Übergang zum 
Ackerbau nur allmählich. Die Baschkiren und Kirgisen, die 
Hirtenvölker sind, brauchen Jahrzehnte, um zu einer Wirtschafts 
form überzugehen, die eine Verbindung von Viehzucht und primi 
tiver Landwirtschaft darstellt, und die Kosaken brauchen eben 
falls mehrere Jahre, um noch einen Schritt weiter zu tun und 
den Kornbau einzuführen. 
Der gesteigerte Arbeitsaufwand, der beim Übergang zu neuen 
Arbeitssystemen notwendig wird, ist so bedeutend, daß ein Hirten 
volk, das an schwere Arbeiten nicht gewöhnt ist, meist dabei aus 
stirbt. So die Kirgisen in Rußland, die sehr ungern zur Feldwirt 
schaft übergehen oder für den Winter Futter Vorräte machen. 
Ebenso die Indianer in Amerika. Daher die auffallende Tat 
sache, daß die Hirtenvölker dem Übergang zur intensiveren Kul 
tur die Kriegsgefahr vorziehen, der sie sich im Kampfe um die 
Ausdehnung ihres Territoriums aussetzen. 
Die Europäer werfen den Hirten- und Jägervölkern vor, sie 
seien „faul“. In der Tat wird dieser Charakterzug der Wilden 
von verschiedenen Anthropologen hervorgehoben. So wird über 
die Botokuden, Kamtschadalen und Baraba berichtet, daß sie den 
größten Teil ihres Lebens im Müßiggang verbringen.*) Aber 
auch die Europäer waren einst nicht anders. Tacitus erzählt, 
daß die Germanen viel Zeit im „süßen Nichtstun“ zubringen. Die 
Kelten waren, nach Cicero, dem Ackerbau abgeneigt. Die russi 
schen Kosaken jenseits des Urals trieben eine extensive Wirt 
schaft und die Bauern aus dem Zentralrayon waren über deren 
„Faulheit“ erstaunt, obgleich sich die Kosaken doch besser er 
nährten als diese Bauern. Erst der Bau einer Eisenbahn führte 
zur Ausdehnung des Saatfeldes. 
Bei einer dünnen Bevölkerung wäre eben eine intensive Kul 
tur, die mehr Arbeit fordert, eine Arbeitsverschwendung, und 
daher sind auch die Wilden „Faulenzer“ . . . 
So finden wir, daß die Produktivkräfte der Naturvölker beim 
') N. Sieber, Skizzen aus der Kulturgeschichte (russisch), S. 176 fF.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.