Full text : Die Theorie der Volkswirtschaft

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Zucht  und  Landwirtschaft  dar.  Sogar  jetzt,  wo  die  Agrikulturtechnik ­
  eine  relativ  entwickelte  ist,  geschieht  der  Übergang  zum
Ackerbau  nur  allmählich.  Die  Baschkiren  und  Kirgisen,  die
Hirtenvölker  sind,  brauchen  Jahrzehnte,  um  zu  einer  Wirtschaftsform ­
  überzugehen,  die  eine  Verbindung  von  Viehzucht  und  primitiver ­
  Landwirtschaft  darstellt,  und  die  Kosaken  brauchen  ebenfalls ­
  mehrere  Jahre,  um  noch  einen  Schritt  weiter  zu  tun  und
den  Kornbau  einzuführen.
Der  gesteigerte  Arbeitsaufwand,  der  beim  Übergang  zu  neuen
Arbeitssystemen  notwendig  wird,  ist  so  bedeutend,  daß  ein  Hirtenvolk, ­
  das  an  schwere  Arbeiten  nicht  gewöhnt  ist,  meist  dabei  ausstirbt. ­
  So  die  Kirgisen  in  Rußland,  die  sehr  ungern  zur  Feldwirtschaft ­
  übergehen  oder  für  den  Winter  Futter  Vorräte  machen.
Ebenso  die  Indianer  in  Amerika.  Daher  die  auffallende  Tatsache, ­
  daß  die  Hirtenvölker  dem  Übergang  zur  intensiveren  Kultur ­
  die  Kriegsgefahr  vorziehen,  der  sie  sich  im  Kampfe  um  die
Ausdehnung  ihres  Territoriums  aussetzen.
Die  Europäer  werfen  den  Hirten-  und  Jägervölkern  vor,  sie
seien  „faul“.  In  der  Tat  wird  dieser  Charakterzug  der  Wilden
von  verschiedenen  Anthropologen  hervorgehoben.  So  wird  über
die  Botokuden,  Kamtschadalen  und  Baraba  berichtet,  daß  sie  den
größten  Teil  ihres  Lebens  im  Müßiggang  verbringen.*)  Aber
auch  die  Europäer  waren  einst  nicht  anders.  Tacitus  erzählt,
daß  die  Germanen  viel  Zeit  im  „süßen  Nichtstun“  zubringen.  Die
Kelten  waren,  nach  Cicero,  dem  Ackerbau  abgeneigt.  Die  russischen ­
  Kosaken  jenseits  des  Urals  trieben  eine  extensive  Wirtschaft ­
  und  die  Bauern  aus  dem  Zentralrayon  waren  über  deren
„Faulheit“  erstaunt,  obgleich  sich  die  Kosaken  doch  besser  ernährten ­
  als  diese  Bauern.  Erst  der  Bau  einer  Eisenbahn  führte
zur  Ausdehnung  des  Saatfeldes.
Bei  einer  dünnen  Bevölkerung  wäre  eben  eine  intensive  Kultur, ­
  die  mehr  Arbeit  fordert,  eine  Arbeitsverschwendung,  und
daher  sind  auch  die  Wilden  „Faulenzer“  .  .  .
So  finden  wir,  daß  die  Produktivkräfte  der  Naturvölker  beim

')  N.  Sieber,  Skizzen  aus  der  Kulturgeschichte  (russisch),  S.  176  fF.
            
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