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,Zur sozialwissenschaftlichen Begriffsbildung“,
Zur Erläuterung sei an jenen kernigen Teil der Sozialwissenschaft
erinnert, der — sozusagen in akademischer Zucht — wohl zur Ab
rundung und Reife, aber noch immer nicht zu einem festen Namen
gelangt ist; während der in alle Winde zerflatternde Rest der Sozial
wissenschaft um so krampfhafter an dem schönen Namen „Soziologie“
festhält, als dem Einzigen, was hier verbindet, indem es verharrt. Für
jenen ersten Teil, der. als Arbeitsgebiet und selbständige „Lehre“
zweifellos ein Ding für sich ist, wird als „Gegenstand“ nun etwa die
„Volkswirtschaft“ namhaft gemacht. Es ist aber weder den landläufigen
Anschauungen noch dem Sprachgebrauche zuwider, wollte man diesen
„Gegenstand“ vielleicht erst in den „Gesetzen“ — oder doch „Ent
wicklungsgesetzen“ — der Volkswirtschaft ersehen. So versteht man
unter dem „Gegenstände“ einmal eine — zunächst problematische
— Integration jener Denkobjekte, die additioneil das „Gebiet“ er
geben, wobei diese Integration durch die substantivische Form des
Schlüsselwortesausgedrückt wird: „Volkswirtschaft“, „Gesellschaft“ usw.
Das andere Mal meint man unter „Gegenstand“ eben diese Integration,
aber verquickt mit den „Aufgaben“ der Wissenschaft.
„Gebiet“ und „Gegenstand“, so auch „Inhalt“ und „Aufgaben“
einer Wissenschaft, das sind eben die Ausdrucksmittel einer roh
empirischen Erwägung, mit der man der Eigenart einer Wissen
schaft beizukommen sucht. Auch derlei Erwägung kann ihre hohen
Verdienste haben, im Sinne eines Überganges zur weiteren Klärung.
Wieviel dankt nicht unsere Wissenschaft dem Buche, worin Karl
Knies die Erkenntnis der „Politischen Ökonomie“ schließlich doch
nur auf Erwägungen dieses niederen Ranges zu gründen suchte. Denn
erst der Nachtrag, den Knies bezeichnenderweise an die Spitze der
zweiten Auflage setzte, wird der bedeutsamen Verknüpfung unserer
Wissenschaft mit dem menschlichen Handeln gerecht; hier erst wird
das Problem angeschnitten, in dessen Dienst sich der Begriff des
„Stoffes“ stellt.
Auch der „Stoff“ hängt mit den Gegenständen des Denkens einer
Wissenschaft zusammen, weil es nur dann Sinn hat, vom „Stoffe“ einer
Wissenschaft zu reden, wenn er als das Eine erfaßbar ist, gegenüber
den zahllosen Gegenständen des wissenschaftlichen Denkens. Er ist
dieses Eine aber weder im Sinne des Gemeinsamen, d. h. der gleichen
Artung aller Gegenstände, wonach diese ein „Gebiet“ bilden; noch im
Sinne ihrer integralen Einheit, die als „Gegenstand“ zum Ausdruck
käme. Wir werden sehen, das Eine bedeutet der „Stoff“ im Geiste
eines Einerlei der Erfahrung, das der Formung aller
Gegenstände unterliegt, gleichsam ihr gemeinsamer Wurzel