Full text : Sozialismus und Regierung

schlag  hinsichtlich  der  wirklichen  Organisation  des  Staates  bedeutet,
vorläufig  will  ich  ihn  nur  erläutern.  Konsequent  zu  Ende  gedacht,
fordert  das  Mittel  der  Verhältniswahl,  daß  die  ganze  Nation  ein  einziger
Wahlkreis  sein  soll  und  alle  Wähler  auf  Grund  derselben  Kandidatenliste ­
  zum  Parlamente  wählen  sollen.  Nur  wenn  sich  Minoritäten  von
einem  Ende  des  Landes  bis  zum  anderen  vereinigen  können,  um  für
eine  Anzahl  Kandidaten  zu  stimmen,  vermögen  sie  die  ihnen  zukommende ­
  Vertretung  zu  erhalten.  Dies  wäre  jedoch  so  schwerfällig,  daß
es  sich  als  ganz  unpraktisch  erwiese.  Trotzdem  kann  für  das  Proportionalsystem, ­
  selbst  wenn  es  fehlerhaft  angewandt  wird,  so  viel  gesagt
werden,  daß  die  Formen,  in  denen  es  in  der  Praxis  auftritt,  diskutiert
werden  müssen.
Angebracht  ist  es,  eine  seiner  Modalitäten  herauszugreifen,  die  bei
uns  die  Freunde  der  Proportionalvertretung  ablehnen,  über  die  sich
jedoch  sehr  viel  sagen  läßt,  wenn  man  die  dem  Proporz  zugrunde
liegenden  Ideen  prinzipiell  anerkennt.  Ich  meine  die  in  Belgien  übliche
Wahlmethode,  wo  die  Parteien  Kandidatenlisten  präsentieren 1 .  —
Unter  diesem  System  stimmt  man,  anstatt  für  einzelne  Kandidaten,
für  Parteien;  jede  Partei  oder  Richtung  erhält  dann  so  viel  Sitze,  als
im  Verhältnis  Stimmen  für  sie  abgegeben  worden  sind.  Durch  diese
Methode  wird  die  Parteigruppierung  zum  einflußreichsten  Faktor  bei
der  Bildung  des  gesetzgebenden  Organs;  deshalb  kommt  dieses  Verf
  ähren  den  Regierungswirklichkeiten  näher,  als  alle  anderen  V  ariationen
des  Proportionalwahlsystems.  Die  belgische  Methode  hat  die  Tendenz,
Mle  Kandidaten  auszuschalten,  die  nicht  national  denken,  die  keine
*  fh  Belgien  stimmt  man  für  Parteien.  Die  Wahlkreise  sind  in  der  Regel  groß
(Brüssel  wählt  z.  II.  21  Abgeordnete),  obgleich  einige  nur  3  Vertreter  entsenden.
Die  Parteiorganisationen  arbeiten  nicht  allein  die  Liste  der  Kandidaten  aus,
sondern  sie  bestimmen  auch  die  Ordnung,  in  der  sich  die  Namen  auf  den  Listen
folgen.  Mit  anderen  Worten,  wenn  eine  Partei  infolge  der  erforderlichen  Stimmenanzahl, ­
  die  für  ihre  Liste  abgegeben  worden  ist,  auf  eine  bestimmte  Anzahl  von
Sitzen  Anspruch  hat,  so  entscheidet  sie,  welche  Vertreter  auserlesen  werden  sollen. ­
  Eine  ähnliche  Methode  herrscht  in  Finnland,  wo  seit  1906  die  Wahlen  in
Kreisen  mit  6  bis  23  Abgeordneten  stattfinden  (ausgenommen  Lappland,  das
nur  einen  Vertreter  wählt);  irgendeine  Gruppe  von  5°  Wählern  kann  eine  Liste
von  nicht  mehr  als  3  Kandidaten  nominieren.  Die  Wähler  stimmen  dann  nicht  für
Männer,  sondern  für  Listen,  obgleich  sie  bestimmten  Kandidaten  auf  der  Liste
den  Vorzug  geben  können.  Eine  Partei  kann  mehr  als  eine  Liste  aufstellen.  Die
überschüssigen  Stimmen  der  einen  Liste  können  dann  auf  die  andere  übertragen
werden.  Dies  ist  der  Gedanke  einer  Parteivertretung,  jedoch  so  modifiziert,  daß
die  Wähler  auf  die  Nominierung  einigen  Einfluß  haben  und  auch  befugt  sind,
zwischen  einzelnen  Kandidaten  eine  Auswahl  zu  treffen.

6  Mac  D

onald,  Sozialismus

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