Full text: Merck's Warenlexikon für Handel, Industrie und Gewerbe

Leim 
247 
Leinengarn 
doch hängt die Klebkraft keineswegs immer 
von diesen Eigenschaften ab, vielmehr ist der 
durch Kalziumphosphat fast immer milchig ge 
trübte Knochenleim zum Kleben von Holz vor 
trefflich geeignet. — In kaltem Wasser quillt 
L. unter Aufnahme der io—zofachen Menge 
seines eigenen Gewichtes an Wasser auf und 
wird um so höher geschätzt, je größer diese 
Wasseraufnahme in 24 Stunden ist. Weiter ver 
langt man von ihm, daß er glänzend, hart und 
spröde und an der Luft trocken sei, beim Biegen 
kurz abbreche und einen glasartigen Bruch 
gebe. Der Wassergehalt soll 150/0, der Aschen 
gehalt 1—5 o/q nicht übersteigen, da bereits Zu 
sätze von 2—3 0/0 Mineralstoffen die Klebkraft 
verringern. In kaltem Wasser darf guter L. 
selbst nach 48 Stunden nicht völlig zerflossen 
sein, muß aber mit heißem Wasser eine völlig 
neutrale Lösung geben. Das zuverlässigste Urteil 
über die Güte des L. bietet die Ermittelung der 
Klebkraft, indem man unter Innehaltung bestimm 
ter Vorschriften Holzstücke aneinander leimt und 
das zum Zerreißen erforderliche Gewicht be 
stimmt. —• In chemischer Hinsicht besteht ge 
wöhnlicher L. der Hauptsache nach aus Glutin, 
neben welchem in geringer Menge Peptone, 
Farbstoffe und Mineralstoffe zugegen sind. Das 
Glutin gehört zu den Albuminoiden und unter 
scheidet sich von den Eiweißkörpern sowie dem 
Chondrin dadurch, daß es durch verdünnte Säuren, 
auch Essigsäure, leicht gelöst wird und nicht 
mit Ferrozyankalium, Alaun, Eisenvitriol und 
Bleizucker Niederschläge liefert. Durch Gerb 
säure wird Glutin aus wäßriger Lösung gefällt. 
Beim Kochen mit verdünnten Säuren oder 
Laugen gibt es zum Unterschiede vom Chon 
drin Glykokoll (Leimzucker). •— Von den 
zahlreichen nach Städten gebildeten Flandels- 
bezeichnungen (Kölner, Breslauer, Nördlingcr, 
Reutlinger, Kahlaer, Mühlhäuser L.) sind die 
meisten außer Gebrauch gekommen, mit Aus 
nahme des Kölner L., unter welchem man eine 
besonders helle, durchscheinende Sorte versteht, 
Russischer L., eine mit weißer Mineralfarbe 
{Bleisulfat, Bleiweiß, Zinkweiß, Kreide) ver 
mischte gewöhnliche Leimmasse, welche auch 
als weißer L. bezeichnet wird, hat keinerlei 
Vorzüge, sondern höchstens verminderte Kleb 
kraft. An Stelle der alten Ursprungsnamen be 
dient man sich neuerdings mehr der Bezeich 
nungen: hell, fein, mittelfein, mittel. — Der L. 
findet als allgemeines Klebemittel ausgedehnte 
Verwendung. Hellere Sorten dienen zu 
Weberschlichte, zur kalten Vergoldung, zu Leim 
farben, in der I-Iutmachcrei zum Appretieren 
von Strohhüten, zur Papierleimung, zur Her 
stellung von Heklographenmasse, zum Ausfällen 
des Gerbstoffs aus Farbholzabkochungen, dunk 
lere als Tischler- und Buchbinder-L. — Von 
besondern L.-Präparaten seien noch folgende 
erwähnt: Elastischer Leim für die Schwärz- 
tvalzen der Buchdrucker und für Formen der 
Galvanoplastik und Gipsgießerei besteht aus 
gleichen Teilen L. und Glyzerin. — Flüssiger 
L. wird durch Zusatz von Säuren, hauptsächlich 
Salpetersäure, Essigsäure, Salzsäure zu konzen 
trierter Leimlösung dargestellt. Besonders be 
währt haben sich folgende Vorschriften: 100 L., 
<00 Wasser, 6—12 rohe Salpetersäure, oder 40 L., 
40 Essig, 10 Spiritus und 5 Alaun. Bei aller 
Handlichkeit findet der flüssige L. doch nm 
beschränkte Anwendung, weil durch die Säure 
die Klebkraft leidet und Farben angegriffen 
werden. Die im Handel befindlichen Erzeuge 
nisse enthalten übrigens oft gar keinen Leim, 
sondern bestehen aus Lösungen von Gummi 
arabikum mit ein paar Prozent Aluminium 
sulfat. — Mundleim, der in Täfelchen zum 
Verkauf kommt und nur mit dem Speichel be 
netzt zu werden braucht, entsteht durch Auf 
lösen von 2 Teilen L. oder Gelatine und 1 Teil 
Zucker in 3 Teilen Wasser und Eindampfen auf 
4 Teile. — Chromleim endlich erhält man 
durch Mischen einer konzentrierten Lösung von 
1 Teil Kaliumdichromat mit der erwärmten Lö 
sung von 5 Teilen L. in 45 Wasser. Er dient 
zum Kitten von Glas, zum Leimen von Perga 
mentpapier und zum Wasserdichtmachen von 
Kofferüberzügen, indem er, dem Sonnenlichte 
ausgesetzt, mit dem L. eine unlösliche Chrom 
oxydverbindung liefert. Wegen seiner Licht- 
cmpfindlichkeit spielt er ebenfalls beim Pigment- 
und Lichtdruck und der Photogalvanographie 
eine Rolle. 
Leinengarn. Der aus der Faser des Flachses 
(s. d.) gesponnene Faden wird Flachsgarn, 
häufiger Leinengarn genannt, während die 
daraus gefertigten Gewebe stets als Leinen be 
zeichnet werden. Das Garn wurde früher ledig 
lich als Handgarn auf dem Spinnrade oder zum 
Teil noch mit der Spindel gesponnen und in 
Deutschland in solchem Umfange erzeugt, daß 
große Mengen als Faden und als Gewebe aus 
geführt werden, konnten. Durch den später ein 
getretenen Wettbewerb der Maschinenspinnerei 
haben sich die Verhältnisse aber sehr geändert, 
so daß jetzt weit mehr Maschinen- als Hand 
garn erzeugt wird, und die Handspinnerei auf 
dem Rade nur noch in gewissen Gegenden bei 
sehr armen Familien zu finden ist. Die Ver 
spinnung des Flachses auf Maschinen, welche 
erst seit etwa 50 Jahren nach dem Vorbilde 
Englands und meist mit englischen Maschinen 
Eingang gefunden hat, bietet bei der Länge und 
härteren ungekräuselten Beschaffenheit der 
Flachsfascr weit mehr Schwierigkeiten als die 
Verarbeitung der Baumwolle. Die durch das 
Hecheln gereinigten, von kurzen Fasern be 
freiten, verfeinerten und geordneten Risten ge 
langen auf das endlose Zuführtuch der Andege, 
um in Bänder von 100—150 cm Breite verwan 
delt zu werden. Diese Bänder werden auf einer 
Reihe von Streckwalzen immer mehr ausge 
zogen und abwechselnd wieder dupliert und 
gelangen dann auf die Vorspinnmaschine, ein 
Streckwerk mit Spindeln, welch letztere der 
Lunte durch eine leichte Drehung mehr Zu 
sammenhalt geben. Zum Schluß gibt die Fein 
spinnmaschine dem lockeren Faden den letzten 
Auszug und die verlangte Drehung und windet 
ihn schließlich auf Holzspulen. Die Feinspinn 
maschinen für Flachs unterscheiden sich in 
Trocken- und Naßspinnmaschinen. Die 
ersteren liefern einen gröberen, rauhen und 
unansehnlichen Faden, der nur zu gröberen 
Geweben verwendet werden kann, während die 
letzteren einen viel feineren, gleichmäßigeren 
und glatten Faden ergeben. Das Werg oder
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.