Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Zweites Kapitel. 
Der Humanismus und der Kampf der 
Platonischen und Aristotelischen Philosophie. 
Der unvergleichliche Reiz, den die kulturgeschichtliche Be- 
trachtung der italienischen Renaissance immer von neuem 
darbietet, beruht auf der Einheit und. durchgehenden Ueberein- 
stimmung, die hier zwischen der innerlichen gedanklichen Ent- 
wicklung und zwischen den mannigfachen Formen und Gestaltun- 
gen des äusseren Lebens besteht. Der neue Inhalt erschaftt sich als- 
bald die eigene, ihm angemessene Form und stellt sich in sichtbaren, 
festen Umrissen nach aussen hin dar. Die geistigen Bewegungen 
bleiben nicht abstrakt und losgelöst, sie greifen überall unmittelbar 
in die Wirklichkeit über und durchdringen sie bis in ihre letzten 
und scheinbar entlegensten Betätigungen. Im Mittelalter sind die 
verschiedenen Richtungen des geistigen Schaffens, sind Wissen- 
schaft und Kunst, Metaphysik und Geschichte zwar geeint, zugleich 
aber durch die gemeinsame und ausschliessliche Beziehung auf das 
religiöse Interesse gebunden. Jetzt treten sie gesondert und selb- 
ständig hervor und gewinnen ihr eigenes Fundament und ihren 
eigenen Mittelpunkt. Das Eigentümliche aber besteht darin, dass 
all diese Gebilde, so unabhängig sie ihrem Ursprung nach sind, 
sich dennoch alsbald zur Einheit eines gemeinsamen Zieles zu- 
sammenschliessen. Die Ergebnisse der Gedankenentwicklung gehen 
nicht in eine allgemeine theoretische Formel, wohl aber in eine 
einheitliche konkrete Lebensordnung ein. Die Ueberwindung des 
alten Lehrsystems bezeugt sich unmittelbar in einem neuen Ideal
	        
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