Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Die Philosophie in der Kultur der Renaissance. 
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individueller und gemeinschaftlicher Lebensführung. Der Huma- 
nismus bleibt keine vereinzelte Erscheinung, keine blosse Phase 
in der Geschichte der Gelehrsamkeit: die Behauptung der Selbst- 
genügsamkeit der weltlichen Bildung erschafft zugleich einen neuen 
Stand und hebt damit die gesamte soziale Gliederung des Mittel- 
alters auf. Bis in die Gestaltung des politischen Lebens, bis in 
die äusseren Formen der Geselligkeit hinein wirken nunmehr 
die neuen Tendenzen der Zeit. Es gibt keine andere Kulturepoche, 
in der die theoretische Bildung die gleiche, unumschränkte 
Herrschaft ausübte, in der sie alle anderen Faktoren und Mächte 
im gleichen Sinne bestimmte, wie hier. 
In dieser geistigen Gesamtbewegung scheint indes die Philo- 
sophie nur eine untergeordnete und beschränkte Wirksamkeit 
zu entfalten. Die ersten Jahrhunderte der Renaissance gehen fast 
völlig in der Aneignung der antiken Systeme auf, die nicht ein- 
mal sogleich nach ihrem vollen Gehalt ergriffen und verstanden 
werden. Bis in das siebzehnte Jahrhundert, bis zu den Zeiten 
Descartes’ hin, fehlt es hier an einer selbständigen Grundlegung. 
In Jacob Burckhardts Darstellung, die das Gesamtbild der 
Renaissance in seinen konkreten und einzelnen Zügen erst wieder 
lebendig gemacht hat, treten daher in der Tat die philosophischen 
Bestrebungen und Leistungen gänzlich in den Hintergrund. Wäh- 
rend sie überall sonst die Zusammenfassung und den eigentlichen 
Maassstab des gedanklichen Fortschritts einer Epoche darstellen, 
stehen sie hier wie ausserhalb des gemeinsamen Zusammenhangs. 
Nirgends erscheint auf den ersten Blick eine erkennbare Einheit, 
nirgends ein fester Mittelpunkt, um den sich die verschiedenen 
Bewegungen ordnen. Die gewöhnlichen Merkmale und Formeln, 
mit denen man den Charakter der Renaissance zu bezeichnen pflegt, 
versagen, wenn man sich unbefangen der Betrachtung der ein- 
zelnen philosophischen Strömungen und ihrer Mannigfaltigkeit 
überlässt. Wenn überall sonst das Streben der Zeit auf eine reine 
und unabhängige Erfassung der immanenten Wirklichkeit geht, 
wenn sie die Politik wie die Moral, die Geschichte wie die Wissen- 
schaft der äusseren Welt auf „natürliche“ Prinzipien zu gründen 
und jede Berufung auf transscendente Kräfte und Autoritäten fern- 
zuhalten sucht, so gelangt dieser Zug in ihrer Philosophie keines- 
wegs sogleich zum reinen und eindeutigen Ausdruck. Die Vor-
	        
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