Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Der Humanismus, 
herrschaft des Neuplatonismus allein genügt, um zu zeigen, wie 
sehr das Denken hier zugleich dahin drängt, alles empirische und 
bedingte Sein zu verlassen und zu überfliegen: und bis weit in 
das Cinquecento, bis in die Lehre Giordano Brunos hinein, 
wirkt dieser Widerstreit der gedanklichen Motive nach. Wenn 
auf der einen Seite der Anspruch der Erfahrung immer deut- 
licher empfunden und befriedigt wird, wenn Reisen und Entdek- 
kungen den Blick immer mehr auf das neue empirische Material 
'enken, das der Sichtung und Bearbeitung harrt, so regt sich an- 
derseits der losgelöste aesthetisch-spekulative Grundtrieb niemals. 
kräftiger als jetzt. Das Bild der Wirklichkeit, das die italienische 
Naturphilosophie entwirft, die in ihrer Erkenntnislehre von der 
Wahrnehmung als dem einzig giltigen Zeugen ausgeht, ist noch 
ganz durchsetzt mit den Gestalten der Phantasie und des Aber- 
glaubens. Und die philosophische Grundlegung der Geisteswissen- 
schaften vollzieht sich unter demselben Gegensalz: während man 
einerseits gelernt hat, die Geschichte als Methode zur Entdeckung 
der geistigen Wirklichkeit zu brauchen, während man die histo- 
rische Kritik auf die Berichte der römischen Geschichtschreiber, 
wie auf die Entstehung des kirchlichen Dogmas anwendet, findet 
sich auf der anderen Seite eine historische Naivetät, die in einem 
untergeschobenen Schriftwerk das Zeugnis uralter Weisheit sicht 
und die alle Religion und alle Sittlichkeit aus einer fortgesetz- 
ten und lückenlosen Tradition oftenbarter Wahrheiten abzu- 
leiten sucht. Wie die eindringende und exakte Beobachtung der 
Naturerscheinungen für die Magie, so wird die philologische 
Forschung für die Cabbalistik dienstbar gemacht. 
Man ist vor dieser bunten und widersprechenden Fülle der 
Meinungen an der philosophischen Grundbedeutung der Renais- 
sance selbst irre geworden: Renan z. B. hat ausgesprochen, 
dass sie eine lediglich literarische, nicht eine philosophische 
Bewegung bilde.) Die Scholastik unserer Tage stützt sich auf 
solche Urteile, indem sie gegenüber der Vielgestaltigkeit der Re- 
naissancephilosophie auf die strenge und einheitliche Fügung des 
mittelalterlichen Systems als Muster und Vorbild zurückweist.?) 
Gerade dieser Vergleich aber ist es, der uns den Sinn und den 
Wert des gedanklichen Kampfes, der sich hier abspielt, begreifen 
und ermessen lehrt. Die Einheit der verschiedenen Rich-
	        
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