Full text: Nationalökonomie (Teil 1)

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reicht, auch die weniger dringlichen zu befriedigen, um so geringer 
werden die Befriedigungsmittel im Werte geschätzt. 
Böhm-Bawerk wählt das Beispiel der Einzelwirtschaft eines 
Farmers, der seinen Erntevorrat außerordentlich hoch schätzt, wenn 
derselbe nur ausreicht, um die nötigsten Nahrungsbedürfnisse der Familie 
zu befriedigen. Alles andere wird bei ihm im Vergleich zum Getreide 
bedeutungslos dastehen. Wenn dagegen in einem anderen Jahre die 
Ernte ausreicht, um nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch 
in angemessener Weise den Viehstand zu erhalten, so wird das Getreide 
dagegen schon nicht in dem gleichen Werte stehen, Wenn er aber 
genügend geerntet hat, um außerdem Papageien zu füttern, die er zu 
seinem Vergnügen hält und zieht, so wird der ganze Vorrat nur nach 
dem Maßstabe dieses letzten Aufwandes geschätzt werden, d.h, außer- 
ordentlich gering. Dies trifft in isolierter Wirtschaft allerdings zu. 
Es wird auch auf manche Verhältnisse in der Volkswirtschaft zu 
übertragen sein, vielleicht auf die Schätzung der Ernte eines ganzen 
Landes, und es ist unzweifelhaft ein Verdienst jener Schule, wieder 
die Aufmerksamkeit auf das bedeutsame Moment der Dringlichkeit des 
Bedürfnisses gelenkt zu haben. Wir können uns aber nicht davon 
überzeugen, daß diese Art des Urteilens überall in der Volkswirtschaft 
vorliegt, und daß die Dringlichkeit das allein bestimmende Motiv ist. 
Unter unseren thatsächlichen volkswirtschaftlichen Verhältnissen greift 
vielfach unzweifelhaft die Berücksichtigung der Herstellungskosten be- 
stimmend ein. Die Fabrikanten, welche beobachten, daß mehr Ware 
produziert ist, als untergebracht werden kann, halten darum noch nicht 
den ganzen Vorrat für entwertet, sie bringen nur so viel auf den 
Markt, als zu einem angemessenen Preise Absatz finden kann und 
vernichten nur den kleinen Rest, der allein entwertet ist, während 
nach der Grenznutzentheorie bei eingetretenem Ueberfluß der ganze 
Vorrat wertlos sein soll. Wiederholt ist es dagewesen, daß in über- 
reichen Ernten ein Teil des Getreides dem Mäusefraß und sonst dem 
Verderben verfiel, noch niemals hat die Geschichte aber von einem 
Beispiel berichtet, daß in einer Volkswirtschaft das Getreide keinen 
Preis hatte. Sehr häufig werden größere Auflagen von Büchern ge- 
druckt, als Absatz finden können, dadurch ist aber noch niemals die 
ganze Auflage wertlos geworden. In der Volkswirtschaft vollziehen 
zich die Verhältnisse nicht so einfach wie in einer isolierten Wirtschaft. 
Adam Smith bestimmte den Wert eines Gegenstandes nach der 
Arbeit, die man damit einkaufen kann, aber auch nach der Arbeit, 
die zur Herstellung erforderlich war. Dies führte sein Schüler David 
Ricardo eingehender aus, der überall dort die Herstellungskosten für 
den Wert bestimmend ansah, wo der Gegenstand in ausreichender 
Fülle vorhanden ist, und ein gesteigerter Bedarf leicht gedeckt werden 
kann, während bei beschränktem Vorrat und erschwerter Ergänzung der 
Einfluß des Seltenheitsmomentes durchaus von ihm anerkannt wurde. Da 
er aber annahm, daß in bei weitem überwiegender Weise in der 
Volkswirtschaft der erstere Fall, der zweite nur ausnahmsweise vor- 
komme, so berücksichtigte er bei den allgemeinen Betrachtungen nur 
den ersten, nicht den zweiten. Hierauf stützten sich besonders Karl 
Marx und seine Schule, welche das Seltenheitsmoment ganz beiseite 
schoben und nur die durchschnittliche (nicht in dem einzelnen Falle, 
sondern die gesellschaftliche) zur Herstellung notwendige Arbeit als 
den Wert bestimmend ansahen, wie sie zugleich die menschliche Arbeits- 
Arbeit als 
alleiniger 
Wertfaktor
	        
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