18
‘
reicht, auch die weniger dringlichen zu befriedigen, um so geringer
werden die Befriedigungsmittel im Werte geschätzt.
Böhm-Bawerk wählt das Beispiel der Einzelwirtschaft eines
Farmers, der seinen Erntevorrat außerordentlich hoch schätzt, wenn
derselbe nur ausreicht, um die nötigsten Nahrungsbedürfnisse der Familie
zu befriedigen. Alles andere wird bei ihm im Vergleich zum Getreide
bedeutungslos dastehen. Wenn dagegen in einem anderen Jahre die
Ernte ausreicht, um nicht nur die Menschen zu ernähren, sondern auch
in angemessener Weise den Viehstand zu erhalten, so wird das Getreide
dagegen schon nicht in dem gleichen Werte stehen, Wenn er aber
genügend geerntet hat, um außerdem Papageien zu füttern, die er zu
seinem Vergnügen hält und zieht, so wird der ganze Vorrat nur nach
dem Maßstabe dieses letzten Aufwandes geschätzt werden, d.h, außer-
ordentlich gering. Dies trifft in isolierter Wirtschaft allerdings zu.
Es wird auch auf manche Verhältnisse in der Volkswirtschaft zu
übertragen sein, vielleicht auf die Schätzung der Ernte eines ganzen
Landes, und es ist unzweifelhaft ein Verdienst jener Schule, wieder
die Aufmerksamkeit auf das bedeutsame Moment der Dringlichkeit des
Bedürfnisses gelenkt zu haben. Wir können uns aber nicht davon
überzeugen, daß diese Art des Urteilens überall in der Volkswirtschaft
vorliegt, und daß die Dringlichkeit das allein bestimmende Motiv ist.
Unter unseren thatsächlichen volkswirtschaftlichen Verhältnissen greift
vielfach unzweifelhaft die Berücksichtigung der Herstellungskosten be-
stimmend ein. Die Fabrikanten, welche beobachten, daß mehr Ware
produziert ist, als untergebracht werden kann, halten darum noch nicht
den ganzen Vorrat für entwertet, sie bringen nur so viel auf den
Markt, als zu einem angemessenen Preise Absatz finden kann und
vernichten nur den kleinen Rest, der allein entwertet ist, während
nach der Grenznutzentheorie bei eingetretenem Ueberfluß der ganze
Vorrat wertlos sein soll. Wiederholt ist es dagewesen, daß in über-
reichen Ernten ein Teil des Getreides dem Mäusefraß und sonst dem
Verderben verfiel, noch niemals hat die Geschichte aber von einem
Beispiel berichtet, daß in einer Volkswirtschaft das Getreide keinen
Preis hatte. Sehr häufig werden größere Auflagen von Büchern ge-
druckt, als Absatz finden können, dadurch ist aber noch niemals die
ganze Auflage wertlos geworden. In der Volkswirtschaft vollziehen
zich die Verhältnisse nicht so einfach wie in einer isolierten Wirtschaft.
Adam Smith bestimmte den Wert eines Gegenstandes nach der
Arbeit, die man damit einkaufen kann, aber auch nach der Arbeit,
die zur Herstellung erforderlich war. Dies führte sein Schüler David
Ricardo eingehender aus, der überall dort die Herstellungskosten für
den Wert bestimmend ansah, wo der Gegenstand in ausreichender
Fülle vorhanden ist, und ein gesteigerter Bedarf leicht gedeckt werden
kann, während bei beschränktem Vorrat und erschwerter Ergänzung der
Einfluß des Seltenheitsmomentes durchaus von ihm anerkannt wurde. Da
er aber annahm, daß in bei weitem überwiegender Weise in der
Volkswirtschaft der erstere Fall, der zweite nur ausnahmsweise vor-
komme, so berücksichtigte er bei den allgemeinen Betrachtungen nur
den ersten, nicht den zweiten. Hierauf stützten sich besonders Karl
Marx und seine Schule, welche das Seltenheitsmoment ganz beiseite
schoben und nur die durchschnittliche (nicht in dem einzelnen Falle,
sondern die gesellschaftliche) zur Herstellung notwendige Arbeit als
den Wert bestimmend ansahen, wie sie zugleich die menschliche Arbeits-
Arbeit als
alleiniger
Wertfaktor