Umrisse einer Theorie des Individuellen, I, A.
457
Determination des Stammbegrififes heran. Stellen wir die Höhe unseres
Berges mit 1237 Meter fest, so ist prinzipiell unser Berg der Unterart
der „1237 Meter hohen Berge“ unterstellt. Damit hat sich der Umfang
des Stammbegriffes, auf den wir nach dieser Bestimmung noch Bezug
nehmen, um alle über und unter 1237 Meter hohen Berge vermindert,
ist also auf ein Minimum gesunken; wir dürften ruhig annehmen: auf
unser Konkretum, als einziges Exemplar. Von dieser Überlegenheit
der quantitativen gegenüber der qualitativen Bestimmung macht das
praktische Leben reichlichen Gebrauch, z. B. in der Kriminalistik. Man
denke an das Bertillonsche Verfahren — Idiographie kriminalistischer
Praxis!
Fragen wir nun, was für das Singularisieren des Konkretums
gewonnen ist, sobald wir den Stammbegriff extrem determiniert, also
die Eigenart erfaßt haben. Vom Standpunkte des praktischen
Denkens aus erscheint uns ein Ding, dessen Eigenart wir kennen, jeden
falls schon als ein gedanklich bestimmtes Ding, als unverwechselbar.
Was Eigenart besitzt, so argumentieren wir dabei, hat nicht seines
gleichen. Was nicht seinesgleichen hat, ist unersetzlich. Weil aber
jede Verwechslung einen unfreiwilligen Ersatz in sich birgt, so ist die
Verwechslung gerade durch die erfaßte Unersetzlichkeit im voraus
ausgeschlossen. Diese Argumentation ist richtig, aber nur in Grenzen.
Vergessen wir nicht, daß alle Eigenart nur so weit erfaßbar ist, als
wir annehmen dürfen, daß mit dem betreffenden Konkretum das
einzige Exemplar jener engsten Art vorliegt, auf die uns die Deter
mination schließlich geführt hat. Dürfen wir dies annehmen? Immer
nur unter notwendigem Bezug auf den Umkreis unserer Er
fahrungen! In der Erfassung der Eigenart eines Dinges ist stets
nur die Behauptung enthalten, daß jenes Ding aller Erfahrung
nach seinesgleichen nicht hat. Denn es ist keine Verknüpfung art
haft er Merkmale denkbar, die sich nicht wiederholen könnte. Gesetzt,
unser Berg läßt sich als „1237 Meter hoher, kuppelförmiger Kalkberg“
bestimmen; damit wäre seine Eigenart, trotz der kleinen Zahl der Be
stimmungen, schon in idealer Weise bekundet. Wir könnten diese
Wuchtigen Bestimmungen als gleichwertig einer außerordentlich langen
Reihe von Bestimmungen durchschnittlicher Art ansehen. Die Reihe
wäre dann so lang, daß die mathematische Wahrscheinlichkeit, diese
Kombination von Merkmalen unter allen wirklichen Bergen noch ein
mal anzutreffen, annähernd gleich Null wird. Aber was hilft selbst
diese Berechnung! Sie beweist durch ihren Ansatz — die ungefähre
Zahl der wirklichen Berge — abermals nur, daß wir bei der Aussage
der Eigenart stets von dem Umkreis der Erfahrung abhängig