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II. Buch. Der Güteraustausch.
einheitlichen Zollgebiete, innerhalb dessen es keine Mauthschranken gab, ver
einigte. Je weiter sich das unter einer und derselben Zollverwaltung stehende
Gebiet erstreckt, desto weniger kostspielig gestaltet sich die Einhebung der Zölle,
da die Grenzen der Staaten infolge der historischen Entwicklung der einzelnen
Länder sehr unregelmäßig zu sein und allerlei Biegungen zu machen Pflegen. Die
Leitung eines größern Zollgebietes, wie es durch die Zusammenfassung mehrerer
Staaten entsteht, hat sich ja natürlich nur mit der Bewachung der Grenzen zu
befassen, welche den außer der Bereinigung stehenden Staaten zugekehrt sind-
So leicht es nun aber auch ist, die Gründe anzugeben, welche die An
wendung von Protectivmaßregeln rechtfertigen, so schwierig ist oft die Beant-
Wortung der Frage, ob die Verhältnisse in diesem oder jenem Falle so liegen,
daß man diese Gründe als vorhanden annehmen könne. Kommt es doch dabei
auf so vielerlei an, und sind doch nicht allein die Naturverhältnisse des Lande»,
sondern auch die moralischen Eigenschaften seiner Bewohner, ihre natür
lichen Fähigkeiten und der bereits erreichte Grad der Civilisation in Betrat
zu ziehen, wenn anders man eine richtige Entscheidung treffen will. Die große
Verbreitung, welche die unbedingte Freihandelstheorie während unseres Iê
Hunderts gefunden hat, erklärt sich zum Theil daraus, daß man sich durch dev
Reichthum und den gewaltigen industriellen Aufschwung Englands sowie dev
Rang, welchen dasselbe unter den handeltreibenden Nationen einnahm, g^
und gar blenden ließ, ohne zu bedenken, daß die Ursachen, in welchen die"
günstigen Verhältnisse wurzeln, durchaus nicht überall vorhanden sind i .
Weitere Probleme des internationalen Handels, wie die Beantwortung
der Frage, auf welche Gründe die Handelskrisen zurückzuführen sind, werden
besser an anderer Stelle behandelt.
' Als der erfolgreichste Vorkämpfer der Freihandelsströmung hat Adam SmU
zu gelten, der in England, wo dieselbe im Cobdenclub einen einflußreichen
Punkt besitzt, und anderswo zahlreiche und berühmte Nachfolger gefunden hat. Uss
diesen letzter« seien nur Richard Cobden und Frédéric Bastiat (Harmon^
économiques. Paris 1850) genannt. Ihnen stehen die Theoretiker des Schutzs
systems schroff gegenüber. Das letztere war im 17. und 18. Jahrhundert das fast au
schließlich herrschende System und fand auch während der Zeit, in welcher die
A. Smith und seinen Theorien fußende Literatur in der größten Blüthe stand, nach w
vor seine theoretischen Vertreter, ja sogar so bedeutende Anwälte, wie Ganilh (Théo j
de l’économie politique. Paris 1822) und Friedrich List (Nationales System
politischen Oekonomie. Leipzig 1842). Im Geiste dieser Theoretiker sind alle die 3"
reichen Werke über Freihandel und Schutzzoll verfaßt, welche meist die Beleuchtung;
concreten Verhältnisse und der momentan aus der Tagesordnung stehenden haşş
Politischen Fragen zum Gegenstand haben. Ueber die gegenwärtige handelSpolüN
Situation Europas gibt ein Aufsatz von W. Z. Ripley (The commercial situa '
of Europe) in der .Political Science Quarterly 1 (tom. VII, p. 2 [New York 1
688—655) einen Ueberblick.