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Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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Bibliographic data

fullscreen: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

Monograph

Identifikator:
891221816
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-76666
Document type:
Monograph
Author:
Neurath, Otto http://d-nb.info/gnd/118587420
Title:
Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
Place of publication:
München
Publisher:
Verlag von Georg D. W. Callwey
Year of publication:
1919
Scope:
1 Online-Ressource (231 Seiten)
Collection:
Economics Books
Usage license:
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Contents

Table of contents

  • Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft
  • Title page
  • Contents

Full text

76 
des 19. Jahrhunderts wurde in Österreich jedem, der Silber in die Münze 
brachte, dasselbe ausgeprägt, das heißt, er erhielt für eine bestimmte Menge 
Silber eine bestimmte Anzahl Silbergulden, so wie man heute für ein Kilo 
gramm Gold in der Münze 3274 Kronen in Goldmünzen österreichischer oder 
ungarischer Prägung erhält. Als nun Ende der siebziger Jahre in London der 
Silbermarkt mit Silber überflutet wurde, sank plötzlich der Silberpreis, und 
zwar so tief, daß es sich rentierte, in London mit österreichischem Geld 
Silber zu kaufen und es in Wien ausprägen zu lassen. Man erhielt für 
100 Gulden mehr Silber in London, als in 100 österreichischen Gulden 
Silber enthalten war. Wie erklärt sich diese Erscheinung? Sie ist nur dann 
verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die Kaufkraft eines Geld 
stückes nicht an seinen Metallgehalt gebunden ist, sie kann ebenso groß 
sein, wie die Kaufkraft des Stückes Metall, das in der Münze enthalten ist, 
sie kann aber auch weit größer sein. 
Ich betone nachdrücklich, daß diese Anschauung von der Unabhängigkeit 
der Kaufkraft auch des frei ausprägbaren Geldes von seinem Metallgehalt 
nicht etwa rein theoretischen Untersuchungen seinen Ursprung verdankt, son 
dern Ende der siebziger Jahre empirisch beobachtet wurde. Die Kaufkraft 
des Silberguldens in Österreich-Ungarn war mit dem gesamten Preisniveau 
verknüpft, mit der Eigenschaft, als Zahlungsmittel zu dienen, insbesondere 
auch als Schuldentilgungsmittel. Silbergulden waren daher gesucht, während 
man mit ungeprägtem Silber in Österreich-Ungarn bei Zahlungen nichts an 
fangen konnte. Eine Zeitlang wurde denn auch das oben geschilderte Ge 
schäft gemacht, man kaufte für Gulden Silber und prägte es aus. Im all 
gemeinen geschah dies wohl auf dem Umwege, daß man in Wien englische 
Devisen kaufte und für diese dann Silber aus London bezog. Dies dauerte 
aber nicht lange, da der Staat die freie Ausprägung sistierte, d. h. für 
rohes Silber wurde kein bestimmter Preis mehr seitens der Münzstätte be 
zahlt. Warum tat das der Staat? Weshalb ließ er nicht die Silberimporteure 
weiter verdienen, zumal er selbst Prägegebühren erhielt? Der Grund ist u. a. 
darin zu suchen, daß die Aufrechterhaltung der freien Prägung zu einer Sen 
kung der Kaufkraft des Guldens führen mußte. Vor der großen Silberaus 
beute hatte der Silbergulden, welcher als internationales Zahlungsmittel, wie 
heute das Gold, Verwendung finden konnte, häufig ein Agio gegenüber dem 
Papiergulden. Als nun die starken Silberausprägungen einsetzten, verschwand 
dies Agio, da ja die Kaufkraft des Silberguldens größer war als die Kaufkraft 
des in ihm enthaltenen Rohsilbers. Silbergulden und Papiergulden standen 
nun al pari. Zu einem Disagio des Silberguldens, das von Bedeutung hätte 
sein können, konnte es aber nicht kommen, da nicht einzusehen wäre, warum 
man silbernes Zeichengeld niedriger einschätzen sollte als papierenes Zeichen- 
g eld. Aber es blieb noch immer die Möglichkeit übrig, daß die Kaufkraft 
eider Geldsorten gegenüber ausländischem Gelde und gegenüber den in 
ländischen Waren sinken konnte. Der gesamten Warenmenge standen von Tag 
zu Tag größere Geldmengen gegenüber, die durch die freie Ausprägung immer 
weiter vermehrt wurden. Freilich, ins Unendliche hätte dieser Prozeß nicht 
angedauert. Schließlich wäre die Kaufkraft des österreichischen Geldes so 
tief gesunken, daß die Kaufkraft des in einem Silbergulden enthaltenen Roh- 
sübers mit der des Gulden zusammengefallen wäre. Gleichzeitig mit der 
Kaufkraftsenkung des Silberguldens in Österreich-Ungarn wäre eine Erhöhung 
des Silberpreises in London infolge der Ankäufe erfolgt, so daß beide Be 
wegungen einander entgegengekommen wären. 
Der Staat hätte durch die Aufrechterhaltung der freien Silberausprägung 
eine Verschiebung der Einkommensverhältnisse zugelassen, die Schuldner hätten 
gewonnen, die Gläubiger verloren. An sich könnte ja eine solche Veränderung 
einmal im Interesse des Staates gelegen sein, aber nur selten wird ein Staat 
so schwerwiegende Veränderungen von äußerlichen Einflüssen abhängig machen 
wollen, wie es in diesem Falle die Ereignisse auf dem Londoner Silbermarkt 
gewesen wären. Es hätte übrigens bei den angedeuteten Umwälzungen nicht 
sein Bewenden gehabt. Durch die Bemühungen, englische Devisen in Wien 
zu kaufen, um dafür in London Silber zu erhalten, trieben die Silberimpor-
	        

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Durch Die Kriegswirtschaft Zur Naturalwirtschaft. Verlag von Georg D. W. Callwey, 1919.
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