Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Bildende KNunst. 
herrschen. Um diesen neuen Elementen freien Platz zu schaffen, 
wird dann die Landschaft aus der Froschperspektive genommen; 
erst der tiefe Horizont vermittelt ganz die in ihnen ruhende 
Poesie. Später erst, zumal in einer Reihe schönster Frühlings— 
bilder, tritt dann eine pflanzlich und geologisch mehr belebte 
Landschaft auf: und damit bilden diese Darstellungen ebenso 
den Übergang zu den Schöpfungen der Jahre 1878 bis 1887, 
wie die Fresken im Baseler Museum (1868 — 70) von der 
Betonung des Landschaftlichen zum Figürlichen geführt hatten. 
Worin besteht nun im einzelnen das Neue des Stils in 
diesem Lustrum? Das Wesentliche ist eine außerordentliche 
Erweiterung des Formen- und auch des Raumgefühls. Menschen 
und Tiere, das beherrschende Element des Bildes, erhalten 
statuarische Fassung; im Umriß werden sie gegenüber dem ver— 
schwimmenden Kontur der früheren Zeit hervorgehoben; wie 
im Relief bewegen sie sich vor dem Hintergrund und er— 
halten das Wesen des unmittelbar Greifbaren um so mehr, je 
stärker bei tiefgelegtem Horizont eine weite Fernsicht des Hinter— 
grundes erstrebt wird. Und gelegentlich kommt dazu, wie z. B. 
im „Kentaurenkampf“, geradezu eine reliefartige Anordnung der 
Scene. Dasselbe Bild aber, das diese Anordnung des Figür— 
lichen und Räumlichen zum ersten Male ganz vollendet zeigt, 
die „Venus Anadyomene“ von 1873, funkelt auch schon im 
Schmucke einer bis dahin unerhörten idealischen Farbengebung. 
Hier erscheinen jene Töne des Ultramarin, die in wunderbarer 
Tiefe leuchten, und jene gleichsam schöpfungsmäßige koloristisch— 
pathetische Palette wird gewonnen, die in der fortschreitenden 
Vervollkommnung der achtziger Jahre zu einer nur Böcklin 
eigenen Farbenwelt geführt hat. 
Der Idealismus der Farben- und Formgebung aber ward 
von einer zwar nicht unvorbereiteten, aber doch erst jetzt ganz 
stark einsetzenden Änderung des dargestellten Inhalts begleitet. 
Dem pantheistischen Naturgefühl des Meisters genügten die 
natürlichen Gestaltungen nicht mehr und er ergänzte sie durch 
eine Welt märchenhafter Geschöpfe. Jetzt zieht Aphrodite, die 
Schaumgeborene, heran und mit ihr das vergnügt-sinnliche Volk
	        
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