Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Bildende Kunst. 
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der Landschaft aber wächst das dichterische Element, der Stim— 
mungsgehalt, und vor allem die schweren, schwermutsvollen 
Stimmungen sind bevorzugt: das Dämmerungsvoll⸗Düstere im 
„Gang nach Emmaus“, das Schaurig-Gespensterhafte im „Ritt 
des Todes“, das Grausige in der „Felsenschlucht“, das Ent— 
setzliche im „Furienbild', das Drohend-Geheimnisvolle im 
„Heiligen Haine“. Dabei wird mit dem Wachsen des Stim—⸗ 
mungsgehaltes die Staffage immer bedeutsamer — das Mensch- 
liche oder menschlich Empfundene drängt sich heran —: bis es 
ausnahmsweise schon in voller Ebenbürtigkeit mit der Land— 
schaft erscheint, so in dem liebesschwülen Abendbild der den 
Amor entsendenden Venus. Dabei steigt dann durch Herein— 
ziehen des Großfigurigen ganz allgemein die Plastik des 
Bildes, — wie denn gelegentlich schon Figuren auftreten, die, 
nicht mehr sichtbar handelnd, nur durch ihr einfaches Dasein, 
gleichsam bloß bildnerisch Stimmung ausdrücken —: die 
Gliederung der Gegenstände wird entschiedener, die Farbenwerte 
werden leuchtender und begrenzter, das Heroische scheint leise 
—V0 
Dichterische gehobener Formen. 
Es ist der Übergang zu der großen Zeit Böcklins, den fünf— 
zehn Jahren von 1873 bis 1887, die der Meister der Haupt— 
sache nach in Florenz, gegen Ende auch in Zürich zugebracht hat. 
Jetzt erblüht ihm ganz der große Stil, der Stil idealistischen 
Umrisses und Raumes, idealistischer Farbe, idealistischen Lichtes. 
Das erste Jahrfünft bringt diesen Stil dem Stoffe nach 
mehr begrenzt zum Ausdruck, da nämlich, wo er sich am 
einfachsten verwirklichen ließ, am Menschen. Dieser tritt 
jetzt im Bilde entschieden hervor, die Haltung des Land— 
schaftlichen wird bescheiden. Und wo die Natur mehr mit— 
spricht, da redet sie durch Elemente, die sich dem plastischen 
Wesen des neuen, zunächst im Menschenkörper verwirklichten 
Stiles leicht unterordnen oder, ihrem Wesen nach formlos, die 
Stilisierung nicht vermissen lassen: so durch das Wasser — 
jetzt beginnen die gewaltigen Seebilder — oder durch Luft— 
gebilde, die z. B. im „Kentaurenkampfe“ das Landschaftliche be—
	        
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