Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  5.  Übertragung  der  Hausinduftrie  von  einer  Gegend  in  eine  andere

43

das  Bürftenmachergewerbe  in  gefchloffenen  Betrieben;  für  die  Hausinduftrie
war  der  Auffaugungsprozefz  eingeleitet.  Dann  aber  ging  von  der  Bürftenfabrk
wieder  die  Heimarbeit  aus.  Heute  arbeiten  ebenfoviel  Perfonen  in  den  Fabriken
wie  in  der  Heimarbeit.  Die  Heimarbeiter  find  aber  nicht  mehr  verlegte  Kleinmeifter
  wie  vor  100  Jahren,  fondern  Außenarbeiter  der  Fabriken,  zumeift
Bürfteneinzieherinnen.  Hier  hat  die  Fabrikinduftrie  zunächft  die  Heimarbeit
verdrängt,  dann  fie  aber  wieder  in  neuer  Form  aufleben  laffen,  dem  Wunfche
der  Bevölkerung  entfprechend,  die  nun  einmal  an  der  Arbeit  zwifchen  den
eignen  vier  Pfählen  hängt.
Ähnliche  Wandlungen  hat  die  uralte  und  weltberühmte  Schwarzwälder
Uhreninduftrie  durchgemacht.  *■)  Seit  der  fabrikmäßigen  Herftellung  der  Uhren
find  die  ehemaligen  Hausinduftriellen  Fabrikarbeiter  oder  detachierte  Außenarbeiter ­
  (Heimarbeiter)  der  Fabriken;  die  Zahl  der  Kleinmeifter  fchwindet
von  Jahr  zu  Jahr.
§  5.  Übertragung  der  Hausinduftrie  von  einer  Gegend
in  eine  andere
Als  fünfte  Fntftehungsform  haben  wir  es  endlich  zu  bezeichnen,
wenn  durch  tatkräftige  Fürften  und  unternehmende  Männer  in  irgendeiner ­
  Gegend  ein  neues  Gewerbe  in  hausinduftrieller
  Betriebsform  eingeführt  wurde,  wie  es  anderswo  fchon  längft
betrieben  war.  Meißens  gefchah  dies,  um  der  Bevölkerung  in  der  betreffenden
Gegend  eine  neue  Erwerbsquelle  zu  öffnen  und  das  Land  zu  bereichern.  Es
war  eine  fe  ftftehende  merkantilißifche  Lehre,  daß  man  fremde  lnduftrien  ins
Inland  verpflanzen  müffe,  um  das  Land  durch  exportfähige  Fabrikate  zu
bereichern.  So  hat  Friedrich  der  Große,  wie  Colbert  in  Frankreich  und  die
Stuarts  und  das  Parlament  in  England,  zahlreiche  Meifterfamilien  aus  Italien,
Holland  und  Frankreich,  namentlich  aus  Lyon,  nach  Berlin  und  Potsdam
herangezogen,  die  den  Stamm  der  Arb  iterfchaft  in  der  Seideninduftrie  bilden
jollten,  während  er  zu  gleicher  Zeit  wohlhabende  Kaufleute,  namentlich  aus
den  Kreifen  derer,  die  bis  dahin  mit  fremden  Seidenwaren  gehandelt  hatten,
veranlaßte,  den  Verlag  der  Meifter  zu  übernehmen.  *  2 )  Der  König  hatte  fo  ein
in  Preußen  bis  dahin  unbekanntes  Gewerbe  hereingebracht,  zugleich  aber  auch
')  Bittmann  a.  a.  0.  114  ff;  vgl.  H.  Fe  ur  ft  ein,  Lohn  und  Haushalt
der  Uhrenfabrikarbeiter  des  badifchen  Schwarzwaldes,  Karlsruhe  1905.
2 )  0.  H  i  n  t  z  e  ,  Die  preufzifche  Seideninduftrie  des  18,  Jahrhunderts,  in  Schmollers
Jahrbuch  XII  (1893).
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.