Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  2.  Berufliche  und  geographifche  Verteilung  der  Hausinduftri-59



Kurzwaren  in  einigen  Dörfern  des  Taunus  und  Wefterwaldes  ift  von  einiger
Bedeutung.  Außerdem  haben  diefe  gebirgigen  Gegenden  eine  Reihe  kleiner
Hausinduftrien,  die  aber  mehr  von  hiftorifchem  als  wirtfchafts-  und  handelspolitifchem
  Intereffe  für  die  Gegenwart  find.
Das  Rheinland  hat  unter  allen  preufzifchen  Provinzen  (abgefehen
von  Berlin)  am  meiften  Hausinduftrie.  Zunächft  hat  die  Seidenbandweberei
am  Niederrhein  auch  in  der  Betriebsform  der  Hausinduftrie  ihren  alten  Rut
bewahrt.  Die  in  diefen  Gegenden  aufblühende  Fabrikinduftrie  hat  indirekt
einer  neuen  Hausinduftrie  den  Boden  bereitet,  der  Konfektion  von  Arbeiterkleidern, ­
  die  in  M.Gladbach  und  Umgegend  verbreitet  ift.  Außerdem  haben
Elberfeld  und  Cöln  Konfektion,  Effen  Arbeiterwäfchekonfektion.  Stadt  und
Bezirk  Aachen  haben  viel  Knopf-,  Nadel  -  undMetallwareninduftrie,  deren  Nebenarbeiten ­
  vielfach  in  die  Häufer  hinausgegeben  werden.  Der  Kreis  Solingen  ift
bekannt  durch  feine  fehr  bedeutende  Kleineifeninduftrie.  In  den  gebirgigen
Gegenden  der  Regierungsbezirke  Coblenz  und  Trier  ift  eine  Reihe  älterer
und  neuerer  Hausinduftrien  anzutreffen,  von  denen  numerifch  keine  hervorragt. ­
  Wir  nennen  die  Nagelfchmiede,  die  Siebmacher,  die  Strohhülfenverfertiger,
die  Töpfer,  die  Drahtflechter.
Das  KönigreichBayernhat  eine  recht  anfehnliche  Hausinduftrie.  L )
Das  gröfzte  Kontingent  ftellt  Oberfranken  mit  feiner  Weberei,  Korbflechterei
und  der  von  Plauen  herübergefchafften  Stickerei  und  Näherei.  Dann  kommt
Mittel  franken.  Hier  nimmt  die  Spielwarenindufirie,  wenn  man  ihre  verfchiedenen
  Branchen,  wie  Blech-,  Papp-  und  Holzfpielwaren,  zufammenrechnet,
die  erfte  Stelle  ein.  Aufzer  der  fogenannten  leonifchen  Induftrie  ift  noch
eine  Reihe  kleiner  Hausinduftrien  vorhanden.  —  Durch  ihre  grofze  Schuhmacherinduftrie,
  die  namentlich  in  und  um  Pirmafens  zahlreiche  Heimarbeiter
befchäftigt,  erreicht  die  Rheinpfalz  faft  die  gleiche  Höhe  wie  Mittel  franken.
Oberbayern  kommt  erft  an  vierter  Stelle.  Hier  find  es  die  Gegenden  von
Berchtesgaden  und  Oberammergau  mit  ihrer  Holzfchnitzerei,  Mittenwald  mit
feiner  Geigeninduftrie,  die  fchon  allein  1000  Heimarbeiter  befchäftigen.  Faft
alle  übrigen  entfallen  auf  München,  wo  Kleider-  und  Wäfchekonfektion,
Blumenanfertigung  und  Stickerei  zu  Haufe  find.  In  Unterfranken  hat
die  Afchaffenburger  Kleiderkonfektion  einen  grofzen  Umfang  angenommen.
Im  Speffart  wirft  die  Perlftickerei  und  Korbflechterei  Hunderten  von  Heimarbeitern ­
  einen  kargen  Lohn  ab.  Faft  ebenfo  zahlreich  wie  in  Unterfranken
ift  die  Hausinduftrie  in  der  Oberpfalz  und  in  Schwaben:  hier  ift  die  Strohhuta
 )  Vgl.  Beilage  zum  Jahresbericht  der  bayerifchen  Gewerbeauffichtsbeamten:
Denkfchrift  über  die  Heimarbeit,  München  1907-
            
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