Full text : Die deutsche Hausindustrie

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IV.  Kap.:  Wirtfchaftliche  und  foziale  Zuftände  in  der  Hausinduftrie

Nach  Angaben  des  Verbandes  katholifcher  Arbeitervereine  (Sitz  Berlin)
aus  neuefter  Zeit  fchwankt  der  Wochenverdienft  der  Hausweber  im  Bezirk
Katfcher  zwifchen  7  und  20  M.,  wobei  die  ganze  Familie  mitarbeiten  mu|z.
In  der  Neuroder  Gegend  gibt  es  Hausweber,  die  bei  12-  bis  löftündiger  Arbeitszeit ­
  40  bis  60  Pf.  pro  Tag  verdienen.  Im  Bezirk  Reichenbach  konnte  aus
Lohnbüchern  feftgeftellt  werden,  dajz  der  hefte  Handweber  der  dortigen  Gegend
einen  Stundenlohn  von  9  Pf.  verdient.  Da  er  täglich  14  Stunden  arbeitet,
bringt  er  es  auf  einen  Wochenlohn  von  7  bis  8  M.
Ein  Weber  und  feine  Frau  in  S  c  h  ö  m  b  e  r  g  (in  Schlefien)  weben  feine,
fchmale  Sachen  und  verdienen  zufammen  5  bis  6  M.  in  der  Woche.  Im  Sommer
ift  er  Bauhilfsarbeiter;  da  mufz  er  oft  auswärts  übernachten,  was  viel  Geld
koftet.  Dann  webt  die  Frau  bei  ihrem  Kinde  zu  Haufe  und  erreicht  etwa  2  bis
3  M.  in  der  Woche.  Im  Winter  wird  vom  Sommer  gelebt  und  geborgt.  Sie  effen
Kartoffeln  und  wieder  Kartoffeln,  Kaffee,  Brot  und  Butter.  —  Nebenan
weben  und  fpulen  drei  Frauen  und  erwerben  zufammen  7  M.  in  der  Woche,
alfo  die  Perfon  2f4  M.  wöchentlich.  Dabei  weben  die  Frauen  ziemlich ­
  breite  Sachen,  fchwere  Arbeit.  —  Die  nächften,  ein  kinderlofes  60jähriges
Ehepaar,  weben  das  ganze  Jahr  und  erreichen  gleichfalls  5  bis  6  M.  in  der
Woche.  Zwei  Menfchen  zufammen  verdienen  im  Jahre  250  bis  300  M.!  Alle
beftätigen,  da(z  nur  ftarke  Männer  mit  ganz  breitem  Leinen  10  bis  12  M.  in
der  Woche  erreichen  können,  felbftverftändlich  famt  der  Frau.  Sonft  find
ftets  5  bis  6  M.  in  der  Woche  derVerdienft  der  zwei  Menfchen ­
  zufammen. 1 )
Es  find  erfchütternde  Bilder,  die  Robert  Wilbrandt  in  feinem  hochintereffanten
  Weberbuche  vor  dem  Auge  des  Lefers  entrollt,  Bilder,  an  deren  Wahrheit ­
  man  nicht  recht  glauben  kann,  wenn  man  fich  nicht  felbft  durch  den
Augenfehein  überzeugt.  Als  ich  im  Herbft  1906  das  Eulen-  und  Heufcheuergebirge
  befuchte,  fand  ich  in  den  kleinen  Weberhäuschen  alles  im  wefentiichen
  beftätigt:  Wochenlöhne  von  3  bis  6  M.,  baufällige  Häufer,  ungefunde,
überfüllte  Wohnungen,  viel  Krankheit  infolge  von  Überanftrengung  und
Unterernährung.  Die  Klügern  in  der  Gegend,  die  fich  längft  andern  Berufen
zugewandt  haben,  begreifen  es  nicht,  wie  heute  noch  jemand  Hausweber
fein  kann.
Das  T  r  u  c  k  f  y  f  t  e  m,  d.  h.  die  Entlohnung  der  Arbeiter  durch  Waren,
die  häufig  für  den  Empfänger  ganz  unbrauchbar  und  im  Werte  zu  hoch  angefetzt ­
  waren,  wucherte  ehedem  gerade  in  der  Hausinduftrie  befonders  üppig:
Thun  und  Sax  wujzten  noch  vor  einigen  Jahren  von  unglaublichen  Übervor') ­

  R-  Wilbrandt,  Die  Weberin  der  Gegenwart  42  ff.
            
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