Full text: Der finanzielle Aufbau der deutschen industriellen Aktiengesellschaften in den Jahren 1901 bis 1910

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mit durchschnittlich 3,19 ist hoch, entsprechend dem großen Betriebsvermögen; am stärksten wächst 
sie von 1905 auf 1906, da der Anteil des Betriebsvermögens bei sinkenden kurzfristigen Schulden 
außergewöhnlich steigt. Den niedrigsten Stand hat sie mit 2,19 im Jahre T905 und deutet damit 
auf eine Kapitalsknappheit hin. Dies bestätigt das Verhältnis des dauernd verfügbaren Kapitals zum 
Gesamtanlagevermögen, das im selben Jahre mit 1,23 am kleinsten während der 10 Jahre der 
Untersuchung ist; dieser Knappheit wird dann im folgenden Jahre durch starke Erhöhung des eigenen 
Kapitals und der langfristigen Schulden abgehotfen. Im Durchschnitt ist das Verhältnis 1,55 und 
ist bei zwar kleinem produzierendem Anlagevermögen aber großem Anteil der Wertpapiere und 
Beteiligungen am Gesamtvermögen als hoch zu bezeichnen. 
2. Eiektrizitätserzeugung. 
a) Reine Elektrizitätswerke. 
Tabelle 17. 
Durch die Art des Betriebes und der Geschäftsführung der reinen Elektrizitätswerke, die 
derjenigen der Gas- und Wasserwerke ähnelt, sind sie wesentlich von den übrigen privaten industriellen 
Unternehmungen unterschieden; der Kreis ihrer Abnehmer ist ein räumlich mehr oder weniger eng 
begrenzter, Konkurrenz ist meist nicht vorhanden, ferner sind die Anforderungen an den Betrieb 
sowie Ausgaben und Einnahmen im voraus für längere Zeit ziemlich genau zu übersehen, dagegen 
sind die Anlagen dieser Unternehmen, besonders das Leitungsnetz, sehr kostspielig. Diese besonderen 
Verhältnisse kommen sowohl bei der Art der Kapitalsbeschaffung, als bei der Vermögensverteilung 
zum Ausdruck. 
Wegen der eingangs (S. 8) erwähnten teilweisen Korrektivposten 1 wurde der Durchschnitt 
der 10 Jahre zweifach errechnet; die folgenden Angaben verstehen sich stets unter Einbeziehung 
dieser Posten in die Reserven. 
Die Anzahl der Gesellschaften wächst von 5 im Jahre 1901 aut 8 im Jahre 1910. Das 
eigene Kapital beläuft sich im Durchschnitt auf 127,3 % ^ es Aktienkapitals; sein Wachsen von 109,7 °/ 0 
im Jahre 1901 auf 135,1% lm Jahre 1910 beruht fast allein auf der Zunahme dieser teilweisen 
Korrektivposten. Die Höhe des fremden Kapitals im Verhältnis zum eigenen Kapital wird ebenfalls 
von ihnen beeinflußt; auch abgesehen .von der durch das Wachsen dieser Posten hervorgerufenen 
Verminderung zeigt sie ein Fallen. Durchschnittlich beträgt das fremde Kapital 76,8 °/ 0 des eigenen 
Kapitals, von denen 63,5% aus den Obligationen und Hyphotheken bestehen, die 80,8% des 
Aktienkapitals erreichen; die kurzfristigen Schulden sind also von untergeordneter Bedeutung. 
Eine entsprechende Verteilung zeigt das produzierende Vermögen, an dem im Durchschnitt 
das produzierende Anlagevermögen einen Anteil von 93,3%, das Betriebsvermögen einen Anteil 
von 6,7% hat. Das Verhältnis zwischen produzierendem Anlage- und Betriebsvermögen zeigt in 
den 10 Jahren große Stetigkeit; auch die Vorräte, die durchschnittlich 2,1 % des produzierenden 
Vermögens betragen, zeigen keine wesentlichen Abweichungen. 
Der Durehschnittsanteil der Wertpapiere und Beteiligungen von 4,8 % des Gesamtvermögens 
gibt ein unzutreffendes Bild, da sie fast ausschließlich einer einzigen Gesellschaft 2 gehören, die aber 
auch erst in den letzten 3 Jahren größere Anlagen dieser Art aufweist, ohne jedoch dadurch im 
wesentlichen ihren Charakter als reines Elektrizitätswerk zu verlieren. 
Die Abschreibungen betragen durchschnittlich 3,2 % des Gesamtvermögens. 
Die Liquidität ist sehr niedrig, durchschnittlich beträgt sie 0,94; jedoch bedürfen diese 
Gesellschaften bei der oben erwähnten Art ihres Betriebes auch gar nicht des Spielraums einer hohen 
Liquidität, da die flüssigen Mittel klein gehalten werden können. Aus demselben Grunde ist das 
Verhältnis des dauernd verfügbaren Kapitals zum Gesamtanlagevermögen niedrig, es beträgt durch 
schnittlich 0,93. 
Die Verrechnung der erwähnten teilweisen Körrektivposten hat, wie der zweite Durchschnitt 
der Tabelle zeigt, wesentlichen Einfluß nur auf die Verhältnisse des eigenen und des fremden Kapitals, 
während sie für die übrigen von geringer Bedeutung ist. 
1) Siehe auch Passow, Die Bilanzen der privaten Unternehmungen S. 174h: Abschreibungen bei Heimfall- 
und Rückkaufunternehmungen; Amortisationsfonds, Erneuerungsfonds. 
2) Berliner Elektrizitätswerke, W.-P. u. Bet. 1908 bis 1910; 19,264 bzw. 25,193 bzw. 24,789 Mül. Mk.; 
es sind dies fast ausschließlich Aktien der Elektriziläts-Lieferungsgesellschaft, die erworben wurden, um bei Nicht- 
erneuerung des Vertrages mit der Stadt Berlin im Jahre 1915 der Gesellschaft ein Fortbestehen zu ermöglichen. 
Salings Börsenjahrbuch 1909/10, S. 1414.
	        
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