Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

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Die drahtlose Telegraphie. 
zugehen, insofern als sie der Gründung der „Deutschen Betriebsgesellschaft für draht 
lose Telegraphie", der „Tebeg", im Januar 1911 zustimmte, auf die der drahtlose 
Betrieb aller an Bord der deutschen Handelsschiffe befindlichen Stationen und das Ver 
fügungsrecht über alle. Marconi- und Telefnnkenpatentc überging. Damit ist die Telegraphie 
zwischen verschiedenen Schiffen für die Marconi- und Telefunkengesellschaft monopolisiert, 
soweit deutsche Schiffe in Frage kommen. 
Bonden 2442 drahtlosen Küsten- und Bordstatioueu, die im März 1912 uachzutveisen 
waren (vgl. Juniheft 1912 der Zeitschrift „Weltverkehr und Weltwirtschaft", S. 128/129), 
entfielen rund 82 Prozent auf das Marconi- und Telefnnkensystem, deren Stationen un 
gefähr in gleicher Anzahl vorhanden find. Tie Fortschritte, die dem deutschen Telefunken- 
system in letzter Zeit vergönnt waren, erhellen wohl am deutlichsten aus der Tatsache, daß 
allein im Jahre 1911 390 Stationen in Arbeit waren, nachdem die Gesamtlieferung bis zum 
Jahre 1911, also in den sieben vorhergehenden Jahren, 500 Stationen betragen hatte. 
Im März 1912 gab es an ständig vorhandenen nachweisbaren Küsten- und Bord 
stationen auf der ganzen Erde, wie gesagt, 2442; darunter waren 417 Küsten- und 2025 
Bordstationen. (Hierzu kamen noch 36 Stationen an den Küsten der großen nordamerikani 
schen Seen.) Davon gehörten 775 England und seinen Kolonien, 430 Deutschland nebst 
Kolonien, 224 Frankreich, 149 Italien, ca. 780 den Vereinigten Staaten usw. Zn den 
genannten Stationen kommen noch diejenigen im Binnenlande, die teils staatlich, teils 
privat sind und deren Zahl sich nicht annähernd schätzen läßt. 
Tie zur drahtlosen Telegraphie über weite Entfernungen erforderlichen Hochfrequenz 
ströme, Wechselströme mit einer hohen Periodenzahl von 100000 bis 1000000 pro Se 
kunde, erzeugt das Telefunkensystem durch Funkenentladungen und wendet dabei als vollkom 
menste Form der Funkenmethode das 1908 erfundene System der „tönenden Löschfunken" an, 
während als andere Herstellungsmöglichkeit heute noch die Hochfrequenzmaschine, eine be 
sonders hierfür gebaute Wechselstromdynamo die Hauptrolle spielt. Bisher hafteten jedoch 
der Hochfreqnenzmaschine große Mängel an, die 1911 eine wesentliche Einschränkung in 
folge einer Vervollkommnung durch den Darmstädter Professor Dr. Goldschmidt erfahren 
haben. Tie Lorenz Akt.-Ges., die schon 1906 das höchst wichtige Patent des Dänen Ponlsen 
erworben hatte, kaufte auch das deutsche Goldschmidt-Patent an und rief die Hochfrequenz- 
maschinen Akt.-Ges. ins Leben, deren Bestreben dahin geht, durch die Hochfrequenzmaschine 
große Energiemengen zu erzeugen und durch deren Ausstrahlung in langen Wellen besonders 
weite Entfernungen zu überbrücken. Die Ausstrahlung großer Energiemengen in Form hoch 
frequenter Wechselströme erfordert jedoch hohe Türme, und die Hochfrequenzmaschinen 
Akt.-Ges. hat daher beschlossen, bei Hannover einen Turm von 250 in Höhe zu errichten, von 
dem ans sie eine direkte Verbindung mit Amerika herstellen will. Ihre Absicht ist, von Kon 
tinent zu Kontinent zu telegraphieren, da ihr das Gebiet der Schiffstelegraphie durch das 
Marconitelefnnkenmonopol verschlossen ist. Inwiefern ihr der Kampf mit der fast über 
mächtig gewordenen Telefunkengesellschaft gelingen wird, muß dahingestellt bleiben. Im 
Frühjahr 1912 hieß es obendrein, Graf Arco von der Telefunkengesellschaft habe eine 
verbesserte Hochfrequenzmaschine erfunden, die am 23. Juni 1912 auch dem in London 
versammelten internationalen Kongreß für Funkentelegraphie vorgeführt wurde. Doch 
war über sie bis zur Drucklegung dieser Zeilen Näheres nicht zu erfahren. Der berühmte, 
zu Versuchszwecken errichtetete Riesenturm der Telefunkengesellschaft bei Nauen, der an 
fangs 100 in hoch war und im Winter 1911/12 auf 200 in erhöht wurde, konnte ja schon 
auf 6000 lein Entfernung Depeschen entsenden und gelegentlich schon mit den Stationen 
in Togo und Kamerun direkt, ohne Zwischenstation, verkehren. Er ist ja leider bei einem 
Sturm am 30. März 1912 eingestürzt, wird aber wieder gebaut werden. 
Bei der ungeheuer schnellen Vermehrung der Zahl von drahtlosen Stationen in allen 
bewohnten Teilen der Erde wird die Zeit nicht mehr fern sein, wo man mit Hilfe der draht 
losen Telegraphie, unter Benutzung von Zwischenftationen, nach allen Gegenden der Welt 
telegraphieren kann. Ja, die großen, mit Kolonien reichlich gesegneten Staaten, England, 
Frankreich und die Vereinigten Staaten, sind sogar schon drauf und dran, sich ein um den 
ganzen Erdball reichendes Netz von „nationalen" Stationen zu schaffen.
	        
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