Arten der Motorflugapparate.
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auf hochtönende Ankündigungen von noch nie dagewesenen Leistungen folgten lächerlich
geringe, lange Zeit durchaus wertlose Leistungen. In Deutschland wurde — wieder einmal!
— der grobe Fehler gemacht, daß die erfolgversprechenden Experimente eines Lilienthal
und Kreß und andrer Pioniere der Aviatik lange Zeit weder durch staatliche noch durch
private Mittel gefördert wurden, und wir sind dadurch dermaßen ins Hintertreffen geraten,
daß wir den Vorsprung der andren schwerlich so bald wieder einholen werden. Die erfolg
reichsten deutschen Flieger waren bisher Hans Grade in Magdeburg, der mit Dreideckern und
Eindeckern schöne Resultate erzielte (während der einzige deutsche Konstrukteur, der sich auf
dem Gebiet des Drachenflugs versuchte, jahrelang der Hannoveraner Jatho war), sowie
der Sieger im Berlin—Wiener Wettflug Hellmuth Hirth. Erst seit 1909 ist man auch in
Deutschland zur Förderung der Flugtechnik in umfassenderem Maße geschritten, aber be
gangene Unterlassungssünden ließen sich durch die zu spät erwachende Opferfreudigkeit
leider nicht wieder aus der Welt schaffen.
859. Die Nnmpler-Tcmlie.
Man hat im wesentlichen drei Klassen von Motorflugapparaten zu unterscheiden:
Drachenflieger, Schraubenflieger, Schwingenflieger. Die ersten, denen zweifellos
die Zukunft zum größten Teil gehören wird, beruhen auf dem Prinzip der Kinderdrachen.
Gewölbte Tragflächen, die durch Propeller etwas schrägstehend vorwärts getrieben werden,
werden durch Luftansammlung unter ihnen schwebend und im Gleichgewicht erhallen. Je
nach der Zahl der benutzten Tragflächen unterscheidet man Ein-, Zwei- und Dreidecker.
Bei den Schraubenfliegern ermöglichen Tragschrauben mit vertikaler Welle ein Auffliegen
ohne Anlauf, wie er bei den Drachenfliegern notwendig ist. Auch kombinierte Trachen-
und Schraubcnflieger sind gelegentlich versucht worden. Verhältnismäßig am tvenigsten
wichtig sind die Schwingenflieger, bei denen es darauf ankommt, daß auf- und abschwingende
Flügel sich bei der Aufwärtsbewegnng öffnen, um die Luft hindurchstreichen zu lassen, bei
der Abwärtsbewegung hingegen schließen, um sie zu verdicken. Die Zahl der Systeme in
allen drei Gruppen ist bereits außerordentlich groß und wächst von Jahr zu Jahr.
Noch stehen wir mitten in den ersten Anfängen dieser wunderbaren Kunst zur Be
herrschung des Luftmeers; noch läßt sich nicht sagen, wohin die Entwickelung steuern wird —
aber fest steht, daß hier der menschliche Geist drauf und dran ist, eines der ältesten Probleme
des sinnenden Gedankens zu lösen und einen seiner größten und stolzesten Triumphe zu
feiern! Ter Wunsch der Schillerschen „Marie Stuart": „Eilende Wolken, Segler der Lüfte,
Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte!" ist heute jedenfalls erfüllbar!