Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Die  Eisenbahnen:  Schmalspurbahnen.

Die  Erfahrung  hat  gezeigt,  daß  für  Gebirgsbahnen  mit  so  lebhaftem  Personen-  und
Güterverkehrs,  wie  ihn  diese  Liliputbahn  aufweist,  derartig  schmale  Gleise  nicht  zweckmäßig ­
  sind.  Man  geht  heutigestags  nur  ausnahmsweise  bei  den  namentlich  für  Personenverkehr ­
  bestimmten  Bahnen  mit  der  Spurweite  auf  60  cm  herab,  wendet  sie  dagegen
für  Sonderzwecke,  wie  Ausstellungsbahnen,  Militärbahnen,  vor  allem  für  Industrie-,
Feld-  und  Waldbahnen  häufig  an.  Decauville  in  Frankreich  bildete  bereits  vor  zwanzig
Jahren  für  die  eben  genannten  Zwecke  Schmalspurbahnen  in  vielseitigster  Weise  aus,  sowohl
was  die  Gleise  als  auch  die  Fahrzeuge  anbetrifft.  Für  vorübergehende  Zwecke,  wie
Wald-  und  Landwirtschaftsbahnen  (Rübenbau  u.  s.  w.),  für  Erdarbeiten,  Materialbeschaffungen ­
  zu  größeren  Bauten  u.  s.w.  stellt  man  den  Oberbau  aus  tragbaren  Gleisjochen ­
  her.  Die  Schienen  von  2  bis  6  in  Länge  sind  hier  bereits  in  der  Fabrik  mit  den
Eisenschwellen  fest  verbunden,  so  daß  nicht  nur  das  Verlegen  des  Gleises  schnell  erfolgen
kann,  sondern  auch  feine  Wiederaufnahme  und  sein  Umlegen  an  anderer  Stelle.  Decauville ­
  erregte  auf  der  Pariser  Weltausstellung  1889  mit  einer  solchen,  dem  besonders
lebhaften  Personenverkehre  auf  dem  Ausstellungsplatze  dienenden  Bahn  von  60  cm  Spurweite ­
  Aufsehen.  Die  Linie  war  3  bin  lang,  ihre  größte  Steigung  betrug  25  °/ 0O  (1:40),
der  kleinste  Gleisbogen  hatte  nur  30  m  Halbmesser.  Die  Gleise  bestanden  aus  5  in  langen
Jochen.  Lokomotiven  und  Wagen  waren  kurvenbeweglich  (vergl.  „Lokomotiven").  Heutigestags ­
  haben  sich  eine  ganze  Anzahl  von  Bauarten  für  diese  so  nützlichen  Bahnen  herausgebildet. ­
  Es  seien  hier  nur  diejenigen  von  Krupp  in  Essen,  vom  Osnabrücker  Stahlwerk
und  von  Koppel  in  Berlin  genannt.  Einige  bemerkenswerte  Ausführungen  der  letztgenannten ­
  Firma  sind  in  Abb.  58  bis  61  zusammengestellt.  Sie  zeigen  nicht  nur  die
vielseitigen  Verwendungszwecke  der  Schmalspur,  sondern  auch  die  verschiedenartige  Ausbildung ­
  der  Wagen,  sowie  die  mannigfache  Art  ihrer  Triebkraft.
Auch  eine  deutsche  Kleinbahn  von  60  cm  Spurweite  sei  hier  genannt.  Es  ist  die
1897  vollendete  17  km  lauge  Bahn  von  Kirchlengern  nach  Wallücke  nahe  der  Porta.
Diese  von  dem  Osnabrücker  Stahlwerk  erbaute  und  vornehmlich  dem  Erztransporte,
aber  auch  dem  Personen-  und  sonstigen  Güterversande  dienende  Bahn  weist  einen  sehr
kräftigen  Oberbau  (Abb.  125),  kurvenbewegliche  Lokomotiven  (Abb.  221)  und  geräumige
Drehgestellwagen  auf.  Die  größte  Steigung  beträgt  32  °/ 00  (1  :  31),  der  kleinste  Krümmungshalbmesser ­
  auf  freier  Strecke  60  m.  Diese  Bahn,  in  der  Spurweite  nur  1  cm
größer  als  die  vielbewunderte  Festiniogbahn,  dieser  aber  betreffs  des  Oberbaues  und
der  Güterwagen  überlegen,  zeigt  aufs  neue,  wie  wirtschaftlich  vorteilhaft  das  in
unserer  Zeit  so  gepflegte  Kleinbahnwesen  für  abgelegene  oder  dünnbevölkerte  Gegenden
sein  kann.
Die  aus  tragbaren  Jochen  hergestellten,  von  Zwillingslokomotiven  befahrenen  Feldbahnen ­
  der  deutschen  Eisenbahntrnppen  haben  ebenfalls  60crn-Spur.  Mit  gleichem  Gleisbaue ­
  wird  bekanntlich  zur  Zeit  in  Westafrika  die  300  km  lange  Bahnlinie  Swakopmund-Windhoek
  durch  ein  Kommando  dieser  Truppen  versehen,  deren  erster  fertiggestellter  Abschnitt ­
  sich  bereits  höchst  nützlich  für  unsere  dortige  Kolonie  erwiesen  hat.
Die  kühne  Darjeeling-Bahn  am  Himalaja,  welche  in  82  km  langem  Laufe  2104  m
Höhe  ersteigt,  hat  2'  =  61  cm  Spurweite  und  vermittelt  den  Verkehr  zwischen  diesem
als  Sommerfrische  viel  benutzten  Höhcnorte  und  Siliguri,  dem  anderen  Endpunkte  dieser
kühnen  Bergbahn.  Sie  dürfte  unter  allen  60ern-Schmalspurbahnen  wohl  die  bedeutendste
sein,  sowohl  was  Höhengewinn  als  auch  namentlich  die  technische  Anlage  betrifft.  In
kühnen  Windungen,  oft  in  Schleifen  und  Zickzacklinien  (vergl.  S.  117),  auf  denen  die
Lokomotive  den  Zug  bald  zieht,  bald  vor  sich  hinschiebt,  klettert  die  Zwergbahn  an  den
Berglehnen  empor,  dem  Reisenden  ein  fesselndes  Panorama  auf  den  8580  m  hohen
Kantschindschinga  und  die  schneebedeckten  Himalajaketteu  entrollend.
Die  kleinste  von  Lokomotiven  befahrene  und  dauerndem  Zwecke  dienende  Schienenstraße ­
  dürfte  die  Schmalspur  in  der  Eisenbahnwerkstätte  zu  Erewe  (England)  sein.  Sie
hat  nur  1  '¡2  engl.  =  457  mm  Spurweite.  Winzig  kleine  Dampflokomotiven  vermitteln
auf  ihr  den  Materialtrausport  zwischen  den  einzelnen  Arbeitsräumen  und  den  Speichern
dieser  6500  Arbeiter  zählenden  Riesenwerkstatt.
            
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