130 Die Eisenbahnen: Linienführung.
Felsengange ein gewaltiges Werk geschaffen zu haben und brachte deshalb auch an der
Stadtseite sein Bildnis an mit der Überschrift: „Te saxa loquuntur“ (Von dir reden
die Felsen!). Und doch, wie winzig erscheint uns heute diese durch festes, trocknes Gestein
getriebene Tunnelstrecke! Wie ist unser Maßstab, den wir an die Arbeiten und Leistungen
der Jngenieurkunst zu legen gewohnt sind, seitdem gewachsen! Heute werden Tunnel
nicht nur durch Hochgebirge getrieben, sondern auch unter dem Flußbett der Ströme hin,
mag dieses aus festem oder wasserdurchlässigem Gestein, aus Thon oder aus Schlamm
bestehen. Die Eisenbahntunnel unter dem Mersey (Liverpool), Severn (Bristol), Hudson
(New Aork), der Themse (London) und viele andere sind beredte Beispiele hierfür. Auch
der kürzlich vollendete Spreetunnel bei Berlin, der durch das lockere Schlammbett der
Spree getrieben ist und elektrischem Straßenbahnbetriebe dient, gehört hierher.
Wie mühsam im Hochgebirge meistens die einleitenden Arbeiten zum Tunnelausbruch
sind, möge Abb. 91 veranschaulichen. Die Arbeiter haben hier die ersten Steinbohrcr
in die Wand getrieben, um darauf vermittelst Rundhölzer oder Bretter einen Standpunkt
beim Anbohren bezw. Ausbrechen des oberen Gesteins zw finden. Ein fertiggestelltes
Portal derselben Bahn zeigt Abb. 92. Noch unbequemer sind häufig die Vermessungen
an steilen hohen Felswänden auszuführen, in die hoch oben die Linie eingeschnitten werden
soll. Hier müssen die Arbeiter oftmals an den Seilen heruntergelassen werden, um so,
schwebend zwischen Himmel und Erde, die Zeichenfestlegung vorzunehmen. In dieser
Weise ist z. B. die Arth-Rigibahn an der 530 m langen senkrechten „Kräbelwand", deren
Höhe über Thalsohle bis zu 150 iw reicht, vermessen worden. Seile und Strickleitern
gaben hier den Technikern den ersten schwankenden Halt. Auch am Semmering, Brenner
und anderen Orten konnten die oft recht schwierigen Vermessungsarbeiten vielfach nur am
Seil durchgeführt werden.
Anwendung der Zahnstange bei Eisenbahnen.
Die im Vorstehenden erörterten vier Mittel, welche für die Überwindung starker
Steigungen bei Wasserscheiden und Gebirgssätteln, bei steilen Hängen und Thälern in
Frage kommen können, als Ausfahren von Seitenthälern, Spitzkehren, Schleifen, Schlingen,
finden in erster Linie bei Reibungsbahnen Verwendung, deren Steigungen, wie früher
erörtert, im allgemeinen nicht über 40°/oo (1:25), bei Hauptbahnen sogar nicht gern
über 250/00 (1:40) gewählt werden. Handelt es sich nun darum, wesentlich stärkere
Steigungen als vorstehend angegeben, unmittelbar zu überwinden, so greift man zu dem
Mittel, das bereits zu Anfang der Entwickelung des Eisenbahnwesens, im Jahre 1812
von Blenkinsop benutzt worden war — zur Zahnstange. Damals wurde sie allerdings
infolge irrtümlicher Anschauungen auch für wagercchte oder schwach geneigte Strecken in
Vorschlag gebracht, bis man, wie auf S. 189 geschildert, erkannte, daß hierbei die Reibung
zwischen dem genügend belasteten Lokomotivrad und der Fahrschiene auch für das Fort
schaffen großer Lasten ausreichte. Die Zahnstange verschwand sehr bald, abgesehen
von der 66 a / s °/ 00 (1:15) Steigung besitzenden Middleton - Kohlenbahn, aus der die
Blenkinsop-Lokomotive bis zum Jahre 1839 benutzt wurde. Man begnügte sich allerdings
auch bei den ersten Reibungsbahnen mit verhältnismäßig schwachen Steigungen oder über
wand etwaige Steilrampen mittels Seilbetriebes. Erst 35 Jahre nach Blenkinsops Versuch
tauchte die Zahnstange in Nordamerika wieder auf. Cathcart benutzte sie zur Ersteigung
einer langen Steilrampe von 6O°/ 00 (1:17) Steigung im Zuge der Madison- und
Jndianopolisbahn. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der die Zahnstange mit der einen
gußeisernen Fahrschiene vereinigt hatte, verwendete Cathcart bereits eine besondere, freilich
auch noch gußeiserne Zahnstange mit aufrecht stehenden Zähnen, die in der Mitte zwischen
den Schienen befestigt wurde. Sie stand bis 1868 in Benutzung, fand jedoch Weiler keine
Nachahmung, hauptsächlich wohl, weil die gußeisernen Zähne nicht sicher genug erschienen
und die Zahnradlokomotiven dieser Bahn (Abb. 229 im Abschnitt „Betriebsmittel") zu
verwickelte Bauart auswiesen. Erst als die Walztechnik weiter fortgeschritten war und die
Herstellung von zähem Formeisen gestattete, war auch die Anfertigung völlig betriebs-