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Die Eisenbahnen: Zahnbahnen.
sicherer Zahnstangen ermöglicht. Die Zahnstange hat der gewöhnlichen Reibungsschiene
gegenüber den Vorteil, daß sie nicht wie diese von den Witterungseinflüssen beeinflußt
wird. Die Zahnradlokomotive leistet daher stets dasselbe, während die Reibungslokomotive
bei Glatteis u. s. w. erheblich einbüßt (vergl. S. 170).
Marsh baute im Jahre 1866—1869 eine Zahnbahn auf den in den Weißen
Bergen Nordamerikas gelegenen 1904 in hohen Mount Washington, einen beliebten
Aussichtspunkt in der „amerikanischen Schweiz". Hier ist zum erstenmal eine schmied
eiserne Leiterzahnstange (Abb. 155) verwendet, die wie bei Cathcart mitten zwischen den
Laufschienen (Spurweite 1411 nun) liegt und in die das von den Dampfcylindern an
getriebene Zahnrad der Lokomotive eingreift. Damit war die erste lebensfähige Zahn
bahn geschaffen, allerdings nur für den Touristenverkehr bestimmt und für kleine Zuglasten
(bis 6500 kg) geeignet, letzteres deshalb, weil die größte Steigung dieser denkwürdigen
4,54 km langen Bahn 377°/ 00 (1:2,5) und die durchschnittliche 240 °/ 00 (1: 4,2) beträgt.
Die beiden Endstationen haben 1093 m Höhenabstand.
Schon 1858 hatte Marsh die behördliche Bauerlaubnis zu dieser Zahnbahn erhalten.
Schwierigkeiten in der Geldbeschaffung verzögerten die Ausführung um acht Jahre, und
auch dann mußte mit größter Sparsamkeit gearbeitet werden. Hierdurch wird die
durch die Abb. 150 bis 153 veranschaulichte eigentümliche Gleisunterstützung erklärlich.
Im Sommer 1869 wurde die Bahn dem Verkehre eröffnet. Die Züge bestehen seit jener
Zeit aus einer Lokomotive und einem Personenwagen mit 50 Sitzplätzen. Die Loko
motive ist nicht mit dem Wagen gekuppelt und befindet sich an dessen unterem Ende,
so daß sie bei der Bergfahrt den Wagen schiebt, während sich dieser bei der Thalfahrt
gegen jene lehnt. Die Festigkeit der Wagenkupplungen kommt dann nicht in Frage,
was die Betriebssicherheit erhöht. Dieses Verfahren ist seitdem auf alle Lokomotiv-
Steilbahnen übertragen (vergl. Abb. 94). Für die ohne Dampf, lediglich unter der
eigenen Schwerkraft zu Thale gehenden Züge hatte Marsh bereits die heute noch ge
bräuchliche Luftgegendruckbremse (S. 228) erdacht und zur Ausführung gebracht. Gerade
durch dieses Mittel wird dem Betriebe solcher Bahnen die nötige Sicherheit gegen Über
schreitung der zulässigen Fahrgeschwindigkeit wirksam verliehen.
Wenige Jahre später führte der Schweizer Maschinen-Jngenieur Riggenbach (gest.
25. Juli 1899) die erste Zahnbahn in Europa aus. Es ist dies die weltbekannte, am
21. Mai 1871 bis Staffel (1600 m über dem Meeresspiegel) eröffnete Rigibahn, die
mit 250°/ov (1:4) größter und 190°/og (1:5) mittlerer Steigung von Vitznau (440 in
über dem Meeresspiegel) aus den Rigi ersteigt (Abb. 93). Die Bahnlänge bis Rigi-Kulm
beträgt 6858 m, die Zahnstange enthält 68 580 Zähne. In diesem Riesengebiß muß sich
das mit 20 Zähnen ausgestattete Treibzahnrad der Lokomotive 3429 mal abwälzen, um
den Zug hinauszuschieben.
Riggenbach hatte schon 1863 ein französisches Patent ans eine Zahnradlokomotive und
eine schmiedeiserne Leiterzahnstange genommen, das er für stark geneigte Bahnen zu verwerten
gedachte. Er war damals Leiter der Eisenbahnwerkstätten in Olten und lernte als solcher die
Schwierigkeiten kennen, die der kurz zuvor eröffnete 2530 m lange und mit 26 °/ 00 geneigte
Hauensteintunnel <Olten-Basel) dem Zugbetriebe bereitete. Die derzeit noch leichten Loko
motiven schleuderten auf dieser Strecke oft und stark, so daß vielfache Betriebsstörungen
vorkamen. Das übliche Sandstreuen zwecks Erhöhung der Schieucnreibung (S. 170) half
hier wenig. Dies brachte Riggenbach nach seinen eigenen Angaben ans den Gedanken, für
derartig stark ansteigende Strecken Zahnstangenbetrieb zu verwerten. An die Ersteigung hoher
Berge durch Zahnbahncn hat er damals noch nicht gedacht, denn dagegen spricht die ganze
Kesselanordnnng seiner Patentlokomotiven. Seit 1864 aber suchte er auch diese Aufgabe zu
lösen und zwar durch eine Schraubenlokomotive, deren AntriebSschranbe in eine Art Zahn
stange eingreift. Im Jahre 1866 von einer halbjährigen Reise nach Nordamerika zurück
gekehrt, auf der er die Zähigkeit der Aankees in der Verfolgung ihrer Pläne kennen lernte,
fertigte er Modelle seiner Zahnrad- und Schraubenlokomotive an und führte sie mit gleicher
Zähigkeit zahlreichen Ingenieuren und Geldleuten vor. Doch nirgends fand er Unterstützung
in seinen für abenteuerlich gehaltenen Plänen. Das Blatt wandte sich erst zu seinen Gunsten,
als 1867 durch einen Bericht des in Nordamerika thätigen Schweizer Konsuls Hitz die im Bau
begriffene Zahnbahn auf den Mount Washington bekannt wurde und auch die Frage der Gotthard
bahn jetzt verstärkt auftauchte. Riggenbach gab 1868 im Verein mit dem Ingenieur Zschokke
eine Schrift: „Überschienung der Alpen mit Zahnradbetrieb" heraus, in der der wirtschaftliche