Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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G.  Stephenson.  Stephensons  erste  Lokomotive.

Blücher,  für  den  damals  ganz  England  schwärmte,  war  sie  auf  den  Namen  dieses  ruhmreichen ­
  deutschen  Feldherrn  getauft.  Sie  bewährte  sich  aber  nicht.  Wohl  hatte  sie  glatte
Treibräder,  nutzte  also  die  Schienenreibung  aus,  aber  dieselben  wurden  nach  Abb.  189
durch  Zahnradgetriebe  in  Umdrehung  versetzt,  von  denen  das  mittelste  zur  Regelung  der
gegenseitigen  Umdrehungen  der  beiden  Radachsen,  bezw.  zur  Aufrechterhaltung  der
90  Grad-Versetzung  der  beiden  Drehkurbeln  diente.  Diese  Bauart  war  eine  Abänderung
der  Hedley-  und  der  Blenkinsop-Lokomotive.  Sie  entlehnte  von  der  letzteren  die  Lage
der  Dampfcylinder  und  die  Lenkstangenanordnung,  von  der  ersteren  dagegen  die  Beivegungsübertragung
  auf  die  Treibachsen.  Nur  war  jetzt  die  Übersetzung  „ins  Langsame"
gewählt,  indem  die  Radachsen  je  ein  60  am  großes  Zahnrad  besaßen,  während  die  drei
treibenden  Zahnräder  kleiner  waren.  Der  Kessel  war  mit  einem  einfachen  geraden  Flammrohr ­
  ausgestattet,  das  unmittelbar  in  den  weiten  Schornstein  mündete.  Auch  hier  gab
es  während  der  Fahrt  durch  die  fünf  Zahnräder  viel  klappernden  Lärm,  der  mit  der  starken
Abnutzung  der  Getriebe  zunahm.  Die  Lokomotive  leistete  etwa  6—7  Pferdestärken  und
vermochte  eine  Wagenlast  von  30  500  kg  über  eine  Steigung  von  2,2  °/ 00  (1  :  450)
mit  höchstens  6  km  Stundengeschwindigkeit  zu  ziehen.  Smiles,  der  das  Leben  und
Wirken  G.  und  R.  Stephensons  sehr  liebevoll  und  eingehend  geschildert  hat,*)  sagt,  daß  die
mittlere  Fahrgeschwindigkeit  dieser  Lokomotive  ungefähr  4  englische  Meilen,  also  etwa
6  km  in  der  Stunde  gewesen
sei  und  daß  nach  Verlauf
des  ersten  Betriebsjahres  sich
kein  Vorteil  gegenüber  dem
bisherigen  Pferdetransport
ergeben  habe.  Stephensons
erste  Lokomotive  muß  darum
nach  allem  als  eine  verfehlte
Bauart  bezeichnet  werden,  die
Hedleylokomotioe  war  besser
durchdacht.  Der  Kessel  krankte
an  zwei  Hauptübeln:  an  dem  1S9.  Stephensons  Zahnradantrieb  für  dir  Lokomotive
einfachen  Flammrohr  und  an  „stüch-r",  1814.
dem  viel  zu  weiten  Schornstein. ­
  Ersteres  besaß  nicht  wärmeabgebende  Fläche  genug,  und  der  letztere  erzeugte  nur
schwachen  Zug.  Er  hatte  einen  Durchmesser  von  510  mm,  das  ist  ein  Maß,  wie  es  unsere
jetzigen  Lokomotiven  stärkster  Bauart  erfordern,  das  aber  für  die  Zwerglokomotiven  damaliger ­
  Zeit  durchaus  falsch  war.  Selbst  wenn  Stephenson  an  seiner  Lokomotive  den
Abdampf  in  richtiger  Weise  in  den  Schornstein  geleitet  hätte  —  was  aber  aus  der  einschläglichen
  Litteratur  nicht  nachzuweisen  ist,  und  worüber  auch  seine  eigenen  Patentschriften  vom
Jahre  1815  und  1816  nichts  verlauten  lassen  —  konnte  die  kleine  Mündung  des  Abdampfrohres ­
  in  dem  sehr  langen  und  510  mm  weiten  Schornstein  eine  kräftige  Wirkung  auf  die
Feueranfachung  nicht  äußern,  zumal  bei  der  geringen  Fahrgeschwindigkeit  von  höchstens
6  km  in  der  Stunde.  Die  Stephensonmaschine  stand  deshalb  auch  in  der  Leistung  der
Hedleylokomotive  nach,  nach  Colburn  sogar  auch  der  Blenkinsoplokomotive.  Das  stolze  Wort,
das  vorher  G.  Stephenson  beim  Anblick  der  schleichenden  Lokomotiven  der  beiden  vorgenannten ­
  Männer  hatte  fallen  lassen,  „er  glaube,  eine  bessere  Maschine  machen  zu
können",  hatte  sich  hier  noch  nicht  erfüllt.  Die  Kesselanlage  seines  Erstlingswerkes  war
eher  ein  Rückschritt  als  ein  Fortschritt.  An  dieser  krankten  auch  alle  seine  wetteren  bis
zum  Jahre  1829  erbauten  Lokomotiven.
In  Bezug  auf  Antrieb  der  Treibräder  zeigt  dagegen  Stephensons  zweite  Lokomotive
vom  Jahre  >815  eine  Vervollkommnung.  Alle  Zahnräder  sind  hier  fortgelassen  und  die
Treibräder  nach  einem  von  Stephenson  und  dem  Ingenieur  Dodds  gemeinsam  genommenen ­
  Patente  unmittelbar  durch  Lenkstangen  und  Kurbeln  angetrieben.  Damit  war  auch

*)  Samuel  Smiles,  „Lives  of  the  Engineers“,  Bd.  Ill  G.  und  R.  Stephenson.
IX  25
            
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