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Mallet-Lokomotive. Die Rauchplage.
etwas zu schützen. Am schlimmsten ist es in diesem Punkte wohl in den langen Tunnels
der Gebirgsbahnen bestellt, sodann namentlich auch auf den mit Dampflokomotiven betriebenen
Londoner Untergrundbahnen. Besonders stark hat auch das Fahrpersonal auf solchen Tunnel
strecken zu leiden.*)
In dem 15 Km langen Tunnel der Gotthardbahn war infolge des gesteigerten Zug
verkehrs die Lüftung schließlich so mangelhaft geworden, daß die Verwaltung gezwungen
war, für die in ihm auszuführenden Unterhaltungsarbeiten Tage mit starken Luftdruckunter
schieden zu wählen, da dann die natürliche Lüftung eine leidliche war. Auch mußte sie zu
gleichem Zweck den nächtlichen Zugverkehr durch den Tunnel einschränken. Diese Mißstände
führten dazu, im Frühjahr 1899 von der Erfindung des Ingenieurs Saccardo (Italien)
Gebrauch zu machen: Seitlich der Tunnelmündung bei Göschenen sind zwei große Ventilatoren
aufgestellt, die wenige Meter hinter jener durch einen doppelten, 6 in langen, auch unter
den Gleisen sich hinziehenden Eisenmantel einen kräftigen Luftstrom in den Tunnel Hinein
blasen und allen Rauch durch den letzteren hindurch und bei Airolo ins Freie treiben. Auch
der frühere dumpfe Geruch der Tunnelluft ist nunmehr beseitigt. Da die benachbarte Reuß
genügend Energie zur Verfügung stellt, so werden die Ventilatoren in kurzem durch Tur
binen n. s. w. angetrieben werden, wodurch ihr jetziger kostspieliger Betrieb mittels einer
festgelagertcn Lokomotive fortfällt.
Am Arlberg besteht die Einrichtung, daß die Lokomotiven während der Fahrt durch den
großen Tunnel Petroleum verfeuern, wodurch die Rauchentwickelung nahezu vermieden ist.
Ans der freien Strecke wird Kohle benutzt. Vereinzelt hat man in Amerika auch elektrischen
Betrieb für Tunnelstrecken eingeführt, wodurch jegliche Luftverschlechterung ausgeschlossen ist.
Man hat verschiedentlich versucht, die starke Rauchentwickelung zu mildern. Mit sicht
barem Erfolge ist dies jedoch erst in der Neuzeit dem österreichischen Ingenieur Langer
gelungen, dessen patentierte Anordnung dann von Marcotty in Berlin vereinfacht und
verbessert wurde. Es wird hier ein Dampfstrahl oben in den Feuerraum geblasen, so daß
die Kohlenschicht ans dem Roste mit einem dünnen Dampsschleicr überlagert ist; gleichzeitig
wird oberhalb des Feuers Luft eingeführt. Diese Oberlust vermischt sich mit den Feuer
gasen und bewirkt noch in der Feuerbüchse eine vollkommenere Verbrennung, also eine
hellere Färbung der abziehenden Gase. Die preußischen Staatsbahnen und andere haben
von dieser Einrichtung, namentlich im Vorortverkehr, vereinzelt, aber stets erfolgreich Gebrauch
gemacht. Bei den Lokomotiven der Rigibahn steht sie bereits seit Jahren in Benutzung.
Die staatliche Eisenbahnbehörde der Schweiz hat 1899 sämtlichen Bahnverwaltungcn dieses
Landes die Langer-Marcotty-Anordnung dringend empfohlen. Es steht im Interesse der
Menschheit zu hoffen, daß mit weiterer Verbesserung dieser rauchverzehrenden Einrichtung
und ihrer allgemeinen Einführung der Eisenbahnbetrieb von seinem dunkelsten Punkte
befreit wird. Übermäßig qualmende Lokomotiv- und Fabrikschornstcine sind keine Fürsprecher
unserer sonst so hochentwickelten Technik. Letztere hat wirksame Mittel zur Milderung der
widerwärtigen Rauctzplagc an die Hand gegeben, leider scheitert ihre Anwendung zu oft noch
an der Platz- und Kostenfrage.
Mitte der 70er Jahre griff eine wirtschaftlich höchst bedeutsame Verbesserung in der
Dampfausnutzung der Lokomotiven Platz, indem der schon genannte Ingenieur Maltet
Lokomotiven mit Verbundwirkung bauen ließ. Diese ergaben bei gleicher Leistung
gegenüber den bisherigen Zwillingslokomotiven eine namhafte Dampf- und damit Kohlen
ersparnis. Während bei einer Zwillingslokomotive frischer Kesseldampf in beide gleich
große Cylinder eintritt und nach gethaner Arbeit aus jedem derselben durch das Blas
rohr ins Freie entweicht, strömt bei der Verbundlokomotive der Frischdampf nur in einen
Cylinder, Hochdruckcylinder genannt, ein; hier gibt er einen Teil seiner Energie an den
Kolben ab und tritt dann durch einen in der Rauchkammer untergebrachten Zwischen
behälter — Verbinder, auch Receiver genannt — in den Niederdruckcylinder, um hier
einen weiteren Teil seiner Energie nutzbar zu machen und dann von da durch das Blas
rohr ins Freie zu entweichen. (Bei jeder Treibradnmdrehung einer Zwillingslokomotive
hört man daher viermal den Abdampf auspuffen, also vier „Dampfschläge", bei einer
Verbundlokomotive dagegen nur zwei.) Der Druck des Dampfes ist beim Einströmen in
den Niederdruckcylinder wesentlich geringer als beim Eintritt in den Hochdruckcylinder,
entsprechend der geleisteten Arbeit und der dadurch herbeigeführten Verminderung der
Dampfwärme. Damit aber der Gesamtdruck auf jeden Kolben und damit die in beiden
*) In dem aufS. 170Anmerkung genannten, 3000m langen alten Giovitunnel, derwcgen seiner
schlechten Lüftung berüchtigt ist, erstickten im Jahre 1898 Führer und Heizer einer Personenzug
lokomotive. Der Zug kam auf der starken Steigung ins Rückwärtsrollcn und stieß auf einen cy-
folgenden Güterzug auf. Menschenverluste und großer Materialschaden waren die traurigen Ü