Personenwagen.
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Personenwagen.
Während in Europa, den hier herrschenden Klassengegensätzen entsprechend, die
Wagen bis in die Mitte der 70er Jahre fast ausschließlich nach dem von England aus
verbreiteten Abteilsystem mit verschiedenen Klassen gebaut wurden, stellte man in dem
öemokratischen Amerika das Wageninnere als einen einzigen, nicht durch hohe Querwände
geteilten Raum her. In der ganzen Wagenlänge zog hier ein Durchgang zwischen den
Sitzplätzen hin (Durchgangswagen), der von außen durch Thüren in den Stirnwänden
zugänglich war.
Die ersten englischen Personenwagen wurden den alten Postkutschen nachgebildet
derart, daß jedes Abteil auch äußerlich wie ein Postwagenkasten, Berline genannt, sich
darstellt. Das Dach diente zur Aufnahme des Reisegepäcks und auch von Reisenden.
Eine sehr verbreitete Bauart dieser Wagen, die sich seit Ende der 30 er Jahre auch in
Deutschland allgemein Eingang verschafft und hier noch lange erhalten hat, besaß nur
drei Abteile, die, falls für die erste Klasse eingerichtet, je 6 Sitzplätze enthielten. Ein
solcher Wagen konnte 18 Reisende im Inneren aufnehmen. Im Gegensatz hierzu faßten
die amerikanischen Durchgangswagen 60 bis 70 Reisende, hier war daher das auf jeden
Sitzplatz entfallende „tote Ge- _ _ _ _.
wicht" erheblich geringer, als
bei den kurzen englischen Abteil
wagen, was den wirtschaftlichen
Betrieb der Personenzüge gün
stig beeinflussen mußte.
Die Wagen zweiter Klasse
waren anfangs auf den euro
päischen Bahnen vielfach ohne
Fenster, dafür zwischen Dach und
Bordwand offen, oft auch ohne
ein Dach. Ein solches fehlte den
Wagen dritter Klasse regelmäßig
(Abb. 241), dabei waren die
Wagen niedrig und schmal. Noch
Ende der 40 er Jahre wurden
auf den Stationen der Leipzig-
Dresdener Bahn Gesichtsmasken und Schutzbrillen den Reisenden angepriesen als Schutz
gegen Zugluft und den Funkenauswurf der Lokomotiven.
Die den Verhandlungen des „Institution ok Nootmnioal liinxinsors" 1898 ent
nommenen Abb. 241 u. 242 zeigen in sehr charakteristischer Weise die äußerliche Ent
wickelung der Personenwagen einer Hauptbahn Englands in der Zeit von 1839 bis
1897. In 6 Jahrzehnten ist hier die Wagenlänge von noch nicht 4 in auf 18 ni ge
wachsen, die Zahl der Räder eines Wagens von 4 auf 12 (Speisewagen) gestiegen. Ähnlich
wie bei dieser einen Bahn ist (abgesehen von deren Drehgestellen der 70er Jahre) auch
der Entwickelungsgang im übrigen England, in Deutschland und den anderen älteren
Eisenbahnländern.
Man ging in der Folge allgemein zu geschlossenen und verglasten Wagenkasten über,
machte die Abteile breiter, länger und höher, vermehrte ihre Zahl auf 5, selbst 7, führte
Heizung, Beleuchtung und Lüftung ein, gute Polsterung in den oberen Klassen und fügte
schließlich auch in den lange Strecken durchfahrenden Wagen Wasch- und Aborträume
ein; dem folgte die Einstellung von Schlaf-, Speise- und Aussichtswagen, um endlich in
der Neuzeit in den amerikanischen Luxuszügen mit ihren Bade-, Rasier-, Schreib-, Biblio
thek- und Musikräumen, denen jetzt sogar Theater- und Kapellenraum sich zugesellt haben,
den Gipfel der Bequemlichkeit und Reisezerstreuung zu erhalten. Allerdings durchlaufen
diese Züge auch meistens so lange Strecken, daß den oft mehrere Tage an sie gefesselten
Reisenden Gelegenheit zu Zerstreuungen, Beschäftigungen u. s. w. geboten werden muß,
240. Erster persancnwngcil
der Ktaekton^arlington-Eisenbahn, 1820.