392 Dr. Finkenwirth:
Firmen zugingen, nach dem Ausland gehen, weil die deutschen Frach-
ten gegenüber den ausländischen zu hoch sind; denn man muß be-
denken, daß nicht der Vergleich, um wieviel ein Ware heute gegen
1913 teurer reist, die Wirkung der Erhöhung genügend zeigt, sondern
ähnlich wie bei der Umsatzsteuer wird durch die vielen Vorfrachten
für Rohstoffe, Halbfabrikate, Betriebsmaterial usw. die Frachterhöhung
in ihrer Wirkung kumuliert.
Es ist zweifellos zuzugeben, daß die Reichsbahnverwaltung be-
müht ist, durch Einführung von Ausnahmetarifen und durch
Änderungen in der Qualifikation der Güter die Folgen des Tarifaufbaus
zu mildern. Indessen ein solches Vorgehen genügt nicht, wenn man
auf dem Standpunkt steht, daß die Reichsbahn die Pflicht hat, in
ihrem eigenen Interesse und in dem der deutschen Wirtschaft die Wett-
bewerbsfähigkeit der deutschen Waren auf dem Aus- und Inlands-
markt mit allen ihren Kräften bessern zu helfen. Niemand verlangt, daß
hierbei die Reichsbahn allein vorgehen soll. Wie notwendig es ist,
daß überall die Hand angelegt wird, um die Produktionskosten zu ver-
ringern, haben wir oben dargelegt, Die Reichsbahnverwaltung kann
und muß aber auf diesem Gebiet noch vieles tun. Daß sie zu einer
Tarifsenkung materiell in der Lage ist, wenn sie finanztechnische
Schwierigkeiten zu überwinden versteht, haben wir oben nach-
gewiesen; daß eine Tarifsenkung hinsichtlich des Güterverkehrs im
Interesse der deutschen Wirtschaft unerläßlich ist, braucht nicht be-
wiesen zu werden.
Hinsichtlich der Durchführung im einzelnen ist dem Programm der
Reichsbahn zuzustimmen, daß sie durch Einführung von Ausnahme-
tarifen den Sonderheiten der Wirtschaft sich allmählich anzupassen
sucht, Das Ziel ist es: den Tarifaufbau wieder zu dem
feinabgestimmtenInstrument der deutschen Wirt-
schaft zu machen, das er vor dem Kriege war,
Maßgebende Persönlichkeiten der Reichsbahnverwaltung haben
bereits erklärt, daß es nötig ist, den Staffeltarif daraufhin durch-
zuprüfen, ob seine gegenwärtige Zusammensetzung richtig ist. Daß sie
es nicht ist, daß die nahen und mittleren Entfernungen bis 500 km
ganz wesentlich zu hoch belastet sind, haben wir gezeigt. Es liegt im
Interesse der Bahn und es ist vom Standpunkt der deutschen Wirt-
schaft aus geboten, die nahen und mittleren Entfernungen wesentlich
zu senken, Es erscheint unbedenklich und im Interesse der Finanz-
wirtschaft der Reichsbahn auch angebracht, daß die weiten Entfer-
nungen, soweit unter Friedenssätzen gefahren wird, wenigstens auf
diese gehoben werden. Dieser Vorschlag zielt nicht darauf hin, unsere
Randgebiete wie Oberschlesien, wie Südbayern, wie Ostpreußen usw.