Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Deutschland  im  Mittelalter.  Ter  Hansabund.
halten,  den  mit  ihnen  im  Verkehr  Stehenden  bereiteten,  eine  empfindliche  Einbuße.  Nach
dem  Aufhören  der  Kreuzzüge  nahm  die  Schiffahrt  der  Venezianer,  Pisaner,  Lombarden
und  Florentiner  nach  den  außerhalb  der  Meerenge  von  Gibraltar  belegenen  europäischen
Küstenländern,  insbesondere  nach  Brügge,  Antwerpen  und  England,  einen  großen  Aufschwung. ­
  Gegen  morgenländische  Kostbarkeiten  wurden  flandrische  Tuche  und  britische
Wolle  eingetauscht.
England  war  um  diese  Zeit  und  bis  zum  Schluffe  des  15.  Jahrhunderts  ein  armes
Land,  in  dem  die  Üppigkeit  Flanderns  und  Italiens  vollständig  unbekannt  war.  Die  Gesamtausfuhr ­
  Englands  belief  sich  im  Jahre  1355  auf  294  185  Pfd.  Sterl.,  der  Wert  der
Einfuhr  betrug  38  970  Pfd.  Sterl.  Von  Interesse  ist  der  aus  dem  Jahre  1398  stammende
Bericht  eines  katatonischen  Ritters  über  Irland,  da  er  zeigt,  wie  es  damals  noch  in  einem
Teile  des  späteren  Großbritanniens  aussah.
Dieser  Bericht  lautet  folgendermaßen:  „Große  Herren  tragen  in  Irland  einen  ungefütterten
Rock,  der  oben  weit  wie  ein  Frauenkleid  ausgeschnitten  ist,  darüber  haben  sie  eine  enge  Kapuze,
welche  bis  zum  Gürtel  herabfällt.  Von  Schuhen,  Strümpfen,  Hosen  wissen  sie  nichts.  Den
nackten  Fersen  werden  die  Sporen  angeheftet,  und  ich  habe  in  dergleichen  Aufzug  am  Weihnachtsfeste ­
  den  König,  die  Geistlichen  und  Ritter,  Bischöfe,  Äbte  und  Barone  gesehen.  Der  gemeine
Mann  kleidet  sich  nach  eines  jedweden  Vermögen.  Die  Ansehnlichsten  werfen  wollene  Mäntel
um,  zeigen  aber  darunter  alle  Teile  bloß,  so  Frauen.,wie  Männer.  Arme  Leute  gehen  nackend.
Der  Mantel,  wie  schlecht  er  auch  sein  mag,  wird  als  Überwurf  gebraucht.  Nach  derselben  Mode
waren  die  Damen,  die  Königin,  ihre  Tochter  und  ihre  Schwester,  gekleidet,  nur  daß  ein  Gürtel
den  Anzug  vervollständigte.  Sogar  nicht  eine  von  den  zwanzig  Hoffräulein  der  Königin  trug
Schuhe  an  den  Füßen,  und  sie  ließen  alles,  was  sie  hatten,  so  unbefangen  sehen  als  das
Gesicht.  Am  Hauptsest  hielt  der  König  großen  Hof;  statt  eines  Tisches  dienten  ihm  Binsen,
auf  den  Boden  ausgestreut.  Als  eine  Auszeichnung  hatte  er  neben  sich  ein  Bündel  zarteres
Heu,  um  sich  damit  den  Mund  abzuwischen.  Das  Fleisch  wurde  ihm  auf  Stöcken,  zu  einer
Tragbahre  eingerichtet,  dargebracht.  Gott  weiß,  wie  die  aufwartenden  Pagen  gekleidet  waren."
Aber  auch  in  anderen  Ländern  waren  die  gesellschaftlichen  Verhältnisse  noch  sehr
unentwickelt.  Professor  Roger  hat  über  diesen  interessanten  Gegenstand  auf  Grundlage
von  neueren  Quellen  Aufschlüsse  gegeben,  wonach  das  Leben  an  zahlreichen  adeligen
Herrschaftssitzen  mit  so  vielen  Entbehrungen  verknüpft  war,  daß  heute  ein  Fabrikarbeiter
mehr  Bequemlichkeiten  und  eine  bessere  Nahrung  genießt  als  früher  die  reichen  Grundeigentümer ­
  des  Landes.  Damals  bildeten  eine  Tafel,  die  über  einen  Bock  gelegt  wurde,
wenn  man  sie  als  Tisch  gebrauchen  wollte,  Bänke  mit  Stroh  ausgestopft,  einige  Stühle
und  kupferne  Kessel  zum  Sieden,  sowie  etliche  hölzerne  Schüsseln  und  Teller,  ein  eiserner
Leuchter,  ein  paar  Küchenmesser,  ein  Salzfaß  und  ein  metallenes  Becken  den  gesamten
Hausrat.
Wie  das  Vorstehende  hat  erkennen  lassen,  waren  die  allgemeinen  Verhältnisse  gegen
Ende  des  Mittelalters  der  Entwickelung  des  Handels  und  Verkehrs  in  Deutschland  sehr
günstig.  Leider  muß  auf  die  Frage,  was  von  Seiten  des  Staates  für  die  Förderung  des
Handels  in  Deutschland  im  Mittelalter  geschah,  geantwortet  werden,  daß  sich  die  staatliche
Macht  im  allgemeinen  nur  dann  des  Handels  anzunehmen  pflegte,  wenn  sich  derselbe
als  Finanzquelle  günstig  ausnutzen  ließ.  Die  einzige  Begünstigung  bestand  in  der  Erteilung ­
  von  Privilegien  und  Freibriefen  mannigfacher  Art,  sowie  in  der  Errichtung  von
Kaufhäusern,  Lagerhäusern,  Krauanlagen  u.  s.  w.  Die  Kräne  zu  Worms,  Oppenheim,
Mainz  und  Bingen  sind  sehr  alt.  Manche  staatliche  Einrichtungen  trugen  wenigstens
zur  Belebung  des  Verkehrs  bei,  so  die  Reichsversammlungen.  Auch  die  Kirchenversammlungen, ­
  die  Volksfeste,  Turniere,  Ringstechen  und  die  Märkte  und  Messen  brachten  viele
Menschen  in  Bewegung.  Einen  sehr  lebhaften  Personenverkehr  verursachten  auf  dem
Rhein  vom  14.  bis  zum  17.  Jahrhundert  die  zahlreichen  Wallfahrer,  welche  vorzugsweise
gern  die  Wasserstraßen  benutzten.  Köln,  Trier,  Äacheu,  sowie  auch  verschiedene  Orte
im  Elsaß  und  Einsiedeln  in  der  Schweiz  waren  sehr  aufgesuchte  Stätten.  Für  die  Pilger
waren  ursprünglich  besondere  Fahrten,  die  sogenannten  „Bruderfahrten"  eingerichtet.  Die
Zahl  der  in  Einsiedeln  jährlich  eingetroffenen  Wallfahrer  soll  150000  betragen  haben,
von  welchen  die  größere  Hälfte  aus  dem  Norden  gekommen  und  auf  der  Heimreise  den
Rhein  hinunter  gefahren  sein  dürfte.
            
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