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Eisenbahnen: Signalwcsen und Weichensichernng.
Weichen- und Tignalstcherung.
Stellwerke. Der Lauf der Züge ist nur dann ein gesicherter, d. h. gesichert gegen
einen Zusammenstoß mit anderen Zügen oder einzelnen Fahrzeugen, wenn Signale und
Weichen sämtlich richtig gestellt sind. Letzteres erfordert die Aufmerksamkeit und Thätig
keit verschiedener Menschen. Ein Fehler oder Mißverständnis ist da leicht möglich, zumal
bei der großen Zahl von Weichen, die häufig an eine Fahrstraße anschließen. Auch böser
Wille kann falsche Weichen- und Signalstellungen veranlassen. Thatsächlich sind eine
große Zahl von Zugunfällen auf diese Umstände zurückzuführen. Dem Lokomotivführer
wird es bei rascher fahrenden Zügen zudem selten möglich sein, seinen Zug vor einer
falsch stehenden Weiche — falls er überhaupt diese erkannt hat — zum Halten zu bringen.
Gleiskrümmungen sind da besonders ungünstig. Als Beispiel eines völlig in der Krüm
mung liegenden Bahnhofs diene Abb. 295. Etwa in der Mitte des Hauptbahnsteigs, vor
dem sich eine größere Weichenanlage befindet, sind besondere Flügelsignale (links in der
Abb. sichtbar) aufgestellt.
Je weniger Köpfe mit der Sicherung der Fahrstraße zu thun haben, desto größer
wird im allgemeinen die Betriebssicherheit sein. Es war deshalb als ein großer Fort
schritt zu begrüßen, als 1843 die Stellhebel der Signale einer englischen Abzweigstation
derartig in gegenseitige Abhängigkeit gebracht wurden, daß niemals beiden Bahnlinien
gleichzeitig das Fahrsignal gegeben werden konnte. Stand das Signal einer Linie auf
„Fahrt", so blieb das der anderen ans „Halt" verschlossen. Später erweiterte man
diese Idee dahin, daß auch die Weichenhebel von den Signalhebeln abhängig wurden,
was eine gemeinsame Lage aller dieser Hebel bedingte. Damit war die Weichen-
zentralisiernng gefunden, die in genial erdachter und sicher wirkender Art Saxby im
Jahre 1856 auf der Bricklayers' Arms-Station bei London zum erstenmal praktisch zur
Ausführung brachte. Die Neuerung, 1860 durch Chambers u. a. verbessert, zeigte so
große Vorzüge, daß sie in England schnellen Eingang fand. Seit vielen Jahren ist sie
für alle neuen Bahnen behördlicherseits vorgeschrieben und steht dort in allgemeinster
Anwendung.
Auf dem Festland und besonders in Amerika brach sich diese segensreiche Erfindung
nur langsam Bahn. In Deutschland wurde 1868 das erste Stellwerk in Benutzung
genommen. Die Braunschweigische Bahn-Verwaltung hatte es versuchsweise nach englischem
Vorbilde in Deutschland bauen lassen. Der Versuch mißlang jedoch, und 1870 wurden
zwei Stellwerke von Saxby und Farmer in London beschafft, die auf den Bahnhöfen Börssum
und Jerxheim zur Anwendung kamen. Anfang der 70 er Jahre gelang es dann Büssing,
Oberingenieur der Fabrik von Jüdel & Co. in Braunschweig, und unabhängig davon
Rüppell in Köln, eine von der englischen abweichende Bauart zu ersinnen. Beide Männer
vereinigten ihre Vorschläge und schufen damit im Jahre 1875 ein vortreffliches Stellwerk,
das lange Jahre vielfach ausgeführt wurde, bis später Besseres an seine Stelle trat. Die
Jüdelsche Fabrik, welche erst Ende 1879 ihr 100. Stellwerk hergestellt hatte, vollendete
bereits 1892 das 1000. Daneben entwickelten sich noch andere Bauarten. Sie alle haben
in den letzten Jahrzehnten unter dem Zwang des mächtig anschwellenden Verkehrs immer
mehr Verbreitung gefunden. Gerade Deutschland hat Vortreffliches ans diesem Gebiete
geleistet. Es seien hier nur noch die Namen Siemens & Halske, Schnabel & Henning,
Zimmermann & Buchloh genannt.
Die erforderliche gegenseitige Abhängigkeit der Signal- und Weichenhebel von
einander und die zwingende Notwendigkeit, einander gefährliche Signale auszuschließen,
läßt sich am besten an einem Beispiele zeigen. Wir entnehmen ein solches den englischen
Bahnen, da deren Abzweigungen aus Hauptgleisen reichlicher durch Flügelsignale gedeckt
werden, als es in Deutschland und anderen Ländern üblich ist. Gegeben sei eine zwei
gleisige Bahn, aus der eine zweigleisige Linie abzweigt. Nach englischer Vorschrift muß
jedes Hauptgleis nahe der Abzweigweiche durch ein Signal (Irorns 8ignal) gesichert werden.
Diese Signale werden häufig aus dem Dache des Weichenturms angebracht. In England
wird links gefahren, weshalb auch die Mastenflügel vom Zuge aus betrachtet, nach links