fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Ausdehnung der Bahnen. Fluß- und Seeverkehr. 
Landstraße keineswegs mit den Eisenbahnen verschwunden ist. Der gegenwärtige Verkehr 
auf den Landstraßen hat jedoch gegen die gute alte Zeit eine weitgehende Veränderung 
erfahren und ist in einer weiteren Umwandlung begriffen. In immer stärkerem Maße 
macht auch er sich die neuesten Erfindungen zu nutze, und statt der früheren ausschließ 
lichen Verwendung von Zugtieren sehen wir bereits Dampf- und andere Motorwagen 
in Benutzung. Daneben bemächtigen sich die Kleinbahnen immer mehr der Kunst 
straßen. Sie durchziehen in großer Zahl die engen gewerblichen Thäler, die bergigen 
Gegenden und beginnen sich auf den Straßen der Niederungen auszubreiten. Diese 
Kleinbahnen besitzen in der Regel keinen besonderen Bahnkörper, sondern die Schienen 
sind direkt in der Landstraße eingebettet. 
Wie der Landverkehr, so hat auch der Verkehr auf dem Wasser durch die Aus 
nutzung der Dampfkraft mannigfache Veränderungen erlitten. Die Ausnutzbarkeit der 
Flußläufe erfährt durch Regulierungen oder Kanalisierungen eine stete Vergrößerung, 
wie auch in vielen Ländern die Anzahl der künstlichen Wasserstraßen, der Kanäle, eine 
beständig wachsende ist. Dem Seeverkehr hat die Dampfkraft gleichfalls ihren Stempel 
aufgedrückt, welcher Einfluß auch aus den eingetretenen Veränderungen der diesem Verkehr 
dienenden Anlagen deutlich erkennbar ist. 
Während die Unsicherheit der früheren Zeiten den Kaufmann zwang, seine Waren 
unter eigener Obhut und meistens mit Waffengeleit an den Bestimmungsort zu schaffen 
und in gleicher Weise mit den am Tauschplatze eingenommenen Waren zu verfahren, ist 
das heutige Bild des Wassertransports ein vollständig anderes. Nicht nur war früher die 
Abwickelung der Geschäfte, infolge der unausgebildeten Transportmittel und des un 
entwickelten Nachrichtenwesens, eine weit langsamere und schwierigere, sondern auch das 
Risiko des Geschäftes war bei dem Fehlen des Versicherungswesens und des Bankwesens 
ein weit größeres. Es war daher eine durch die Verhältnisse bedingte Erscheinung, daß 
lauge Zeit der überseeische Handel sich in wenigen Händen befand. Nur der Besitz eigener 
Schiffe gab dem Kaufmann die Gewähr einer Verschiffung seiner Güter in einer seinen 
Interessen entsprechenden Art und Weise. In diesen Verhältnissen ist heute durch die auch 
hier eingetretene Arbeitsteilung ein vollständiger Umschwung eingetreten. Neben dem 
Kaufmann haben die Transportunternehmer, der Spediteur, der Bankier und 
der Assekurateur eine selbständige Bedeutung erlangt. Inden Seestädten war der Kauf 
mann der alten Zeit meistens auch Reeder. Einerseits war er hierzu, wie oben bemerkt, 
durch die Verhältnisse gezwungen, anderseits gestattete das verhältnismäßig einfache und 
nicht sehr kostspielige Schiffsmaterial eine solche Geschäftsverbindung. Mit der fort 
geschrittenen Dampfschiffahrt, dem Anwachsen der Schiffszahl und deren Fassungsvermögen 
ist die Aktienreederei immer mehr in den Vordergrund getreten, und das Reedereigeschäft 
hat sich zu einer eigenen Geschäftsthätigkeit entwickelt. 
Die Steigerung des.Handelsverkehrs und die Veränderungen in den Formen des 
Handels stellen große Anforderungen an die Ausstattung der Häfen. Sowohl hier 
durch, wie nicht minder infolge der durch die Eisenbahnen und die Dampfschiffahrt direkt 
bewirkten Beschleunigung des Verkehrs hat die Ausgestaltung der Seehäfen eine gegen 
früher vollständig veränderte Form angenommen. In den früheren Jahrhunderten dienten 
die Seehäfen vorzugsweise als Stapelplätze für alle Arten Waren, die aus allen Teilen 
der Erde eingeführt wurden und für längere oder kürzere Zeit in den Speichern der 
Seestädte lagerten. Diese Speicher lagen in großer Zahl an kleineren Flußarmen, und 
sie boten in vielen Städten ein sehr malerisches Bild, von dem sich hier und da noch 
einzelne Teile erhalten haben (f. Abb. 21). 
Die Schiffe waren klein und hatten einen geringen Tiefgang. Sie bedurften keiner 
besonderen Landungsstellen, da die Waren an Bord des Schiffes verkauft und mit Kähnen 
ans Land gebracht wurden. Noch im Jahre >793 betrug die Gesamtlänge der Londoner 
Kaianlagen nur 3676 Fuß (ca. 1100 m) gegen eine heutige Länge von ca. 45 000 m. 
Nach einer indischen Reise takelten die Schiffe nicht selten ab, es dauerte Wochen, oft 
Monate, ehe die Ladung gelöscht war und eine neue Reise angetreten wurde. Selbst dre 
Ostseefahrer überwinterten nicht selten in den Häfen, in denen sie beheimatet waren. Die 
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