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Eisenbahnen: .Signalwesen und Weichensichernng.
enthält das größte Stellwerk 143 Hebel. Diese Zahlen werden noch erheblich über
troffen durch einige englische Ausführungen. So besitzt der Kopfbahnhof Brighton in
drei einander nahegelegenen Stellwerken 456 Hebel, die sich mit 96, 120 und 240 Hebeln
auf die einzelnen Anlagen verteilen. Die 240 Hebel sind in einer einzigen langen Reihe
aufgestellt, und dieses Stellwerk ist wohl das längste, das im Eisenbahnwesen vorkommt.
Da zwei Nachbarhebel etwa 12 cm Abstand haben, so ergibt sich hier eine Stellwerks
länge von rund 30 in. Auf Bahnhof Waterloo Bridge (London) und Eastbourne befindet
sich je ein Stellwerk mit 108 Hebeln in einer Reihe, auf Bahnhof Rugby ein solches mit
180 Hebeln. Das größte Stellwerk Englands steht auf dem Kopfbahnhof London Bridge
am Südufer der Themse. Es weist in zwei Reihen 280 Hebel auf und wird in täglich
drei Schichten von je 4 Signalwärtern bedient. Die Gesamtzahl der wocheutäglich hier
verkehrenden Züge und Lokomotiven beträgt etwa 600. In den beiden verkehrsreichsten
Morgenstunden, in denen die Londoner Geschäftsleute in dichten Scharen aus den Vor
städten Londons und den weiter entlegenen Orten zur City eilen, beläuft sich die Zugzahl
auf 90! Zieht man hierbei noch die mancherlei Rangierbewegungen, das Umsetzen von
Lokomotiven u. s. w. in Rücksicht, so kann man die Thätigkeit der Wärter dieses Stell
werkes ermessen, zumal ihnen auch zum Teil die gesamte elektrische Zeichengabe für den
Zugsignaldienst obliegt. Bemerkenswert ist noch der Umstand, daß sich diese Riesenanlage
auf derselben Bahn (Brighton Railway) seit etwa 3 Jahrzehnten befindet, auf der 1856
die Weichenzentralisierung ihren ersten Triumph gefeiert hat.
Die große Hebelzahl englischer Stellwerke rührt einmal davon her, daß für alle Spitz-
weichen, das sind gegen die Spitze des Herzstückes befahrene Weichen, eine besondere Sicherung
mittels der Druckschiene (vergl. weiter unten Abschnitt „Einzelheiten zur Weichensichernng") vor
gesehen ist. Zu jeder solchen Weiche gehören demnach 2 Hebel, einer zum Verlegen der Weiche,
der andere zu ihrem Verriegeln. Sodann aber wird jene große Zahl vornehmlich durch die den
festländischen Bahnen gegenüber erheblich stärkere Anzahl von hohen Standsignalen bedingt, durch
die dem englischen Lokomotivführer seine Fahrstraße kenntlich gemacht werden soll. Es fehlen
dafür teilweise die in Deutschland üblichen Weichensignale, die sich gleichzeitig mit dem Umlegen
der Weichenznngen verstellen, also keines besonderen Stellhebels bedürfen. Beispielsweise ent
fallen von den erwähnten 240 Hebeln des mittleren Signaltnrmes in Brighton nur 76 auf
Weichen und deren Verriegelung, dagegen 161 auf Signale; 3 Hebel dienen anderen Zwecken.
In den Bahnhof münden 3 doppelgleisige Bahnen und eine eingleisige Linie, also 7 Gleise.
Sie gabeln sich in 11 Bahnsteig- und 3 Nebengleise. Zu ihrer Sicherung dienen 95 Flügel
signale und zahlreiche Signalscheiben; 5 dieser letzteren befinden sich über den 5 Haupt-
gleisen zweier Bahnlinien; durch sie allein können wieder 44 verschiedene Zeichen (Nummern
oder Buchstaben) gegeben werden, die dem Lokomotivführer eines einlaufenden Zuges das
Bahnsteiggleis anzeigen, auf welchem er halten soll. Ein Teil der Signale wird von zwei
Signaltürmen aus gemeinsam gestellt.
Die erwähnte reiche Ausstattung der englischen Bahnen mit Mastensignalen wird durch
die in Abb. 3O2 dargestellte Krenznngsstatiou zweier zweigleisiger Bahnen veranschaulicht.
Jedes Gleis und jede Fahrrichtung ist durch drei Signale: Distanz-, Stations- und Ausfahr
signal gedeckt, insgesamt sind für die vierMchtungen .20 Mastensignalc aufgestellt, deren Be-,
deutung ans der der Abbildung beigesetzten Übersicht hervorgeht. Das Stellwerk dieser Kreuzung,
in der zwei halbe Krcuzungsweichen (14 und 22) liegen, enthält 36 Hebel, wovon 20 für
Signale, acht znm Weichenstellen und vier für Druckschienen (S. 303) dienen, während vier
Stück Reservehebel für etwaige spätere Gleisanlagen sind. Für die Signale gilt der Grundsatz,
daß das am weitesten links stehende Signal zu der auch am weitesten links gelegenen Fahr
straße gehört; dem benachbarten Fahrgleise entspricht das nächste links stehende Signal (vergl.
die vier Distanzsignalc 1, 6, 3, 8 u. s. w.)
Das englische Distanzsignal findet man bis 1000 m vom Stationssignale entfernt. Zeigt es
„Halt", so muß der Lokoinotivführer die Fahrgeschwindigkeit so weit ermäßigen, daß er vor dem
Stationssignale sicher anhalten kann, falls dieses bis dahin noch „Halt" zeigt. Damit ein ein
fahrender Zug die Strecke freigibt, schiebt man in England die Ausfahrtsignale mitunter
bis 350 m über den Weichenturm hinaus, wie die Signale 5, 10, 27 und 32 in Abb. 302
zeigen. Der haltende Zug wird dann durch das Dcckungssignal (hörne signal), z. B. 4,
hinten gesichert.
Bedenkt man, daß manche englische Station täglich von rund 1000 Zügen ver
schiedener Richtung durchfahren wird, wie z. B. Clapham Junction in Südlondon (vergl.
auch Fußnote der S. 318), so erscheint der oben gezogene Vergleich zwischen Stellwerk
und Orgel um so zutreffender. Die Hebelreihen gleichen auf solchem Bahnhöfe einer