Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

Flut  und  Ebbe.  425
und  deren  Geschwindigkeit  sein  und  um  so  weiter  landeinwärts  wird  sie  vermöge  der  in
der  offenen  See  gewonnenen  lebendigen  Kraft  vordringen;  anderseits  wird  auch  bei  Eintritt ­
  der  Ebbe  das  Wasser  rascher  wieder  seewärts  abfließen.  Je  größer  aber  die  bewegte
Wassermenge  und  deren  Geschwindigkeit  ist,  um  so  größer  ist  ihre  lebendige  Kraft  und
um  so  größere  Widerstände  können  überwunden,  um  so  mehr  nützliche,  auf  die  Fortbewegung ­
  der  Sinkstoffe  gerichtete  Arbeit  kann  damit  geleistet  werden.
Der  wichtigste  Grundsatz  bei  der  Stromregulierung  im  Flutgebiete  ist  demnach,
dafür  zu  sorgen,  daß  die  von  der  See  kommende  Flutwelle  möglichst  ungehindert  in  den
Fluß  eintreten  und  in  demselben  sich  weiter  bewegen  kann.
Wir  haben  erfahren,  daß  im  oberen  Lauf  eines  Flusses  eine  Vermehrung  der
Wassermenge  gar  nicht  und  eine  Vergrößerung  der  Geschwindigkeit  nur  in  verhältnismäßig ­
  geringem  Maße  durch  Eingreifen  von  Menschenhand  erreicht  werden  kann.  Da
im  Flutgebiet  durch  Beseitigung  von  Hindernissen  sowohl  die  sich  bewegende  Wassermenge,
wie  deren  Geschwindigkeit  um  das  doppelte  oder  dreifache  gesteigert  werden  kann,  so  geht
daraus  hervor,  daß  hier  bei  richtig  geleiteter  Korrektion  weit  größere  Erfolge  erreicht
werden  können,  als  im  Oberlauf.  Diese  Erfolge  beziehen  sich  nicht  nur  auf  die  Schaffung
und  Erhaltung  einer  genügend  tiefen  Schiffahrtslinie,  sondern  infolge  der  ungehinderten
und  daher  tiefer  abfallenden  Ebbe  tritt  auch  eine  Senkung  des  Wasserspiegels  ein,  die  eine
bessere  Entwässerung  der  im  Flutgebiete  gelegenen,  wertvollen  Marschländereien  gestattet,
und  endlich  ist  mit  dem  leichteren  Abfluß  des  Wassers  auch  ein  besseres  Abtreiben  des
Eises  verbunden.
Zur  richtigen  Planung  der  auf  die  Steigerung  der  Flutwelle  hinzielenden  Maßnahmen ­
  ist  die  genaue  Kenntnis  der  durch  die  Örtlichkeiten  zum  Teil  sehr  verwickelten
Fluterscheinungen  an  den  einzelnen  Punkten  des  Flutgebietes  erforderlich,  und  so  sollen
vor  Eingehen  auf  die  Ausführung  der  erforderlichen  Korrektionsarbeiten  die  Ursache  und
der  Verlauf  der  Flutwelle  betrachtet  werden.
Die  in  den  Fluß  von  der  See  her  eintretende  und  sich  im  Flußbett  landeinwärts
bewegende  Flutwelle  ist  ein  Teil  der  Meeresflutwelle,  die  durch  die  Anziehungskraft  von
Sonne  und  Mond  auf  die  Erde  entsteht.  Hierdurch  tritt  täglich  zweimal  ein  Steigen
und  Fallen  des-Meeres,  d.  h.  Flut  und  Ebbe  ein.  Die  Flutperiode,  die  Zeit  zwischen
dem  Eintreten  zweier  aufeinander  folgenden  höchsten  und  niedrigsten  Wasserstände  dauert
theoretisch  12  Stunden,  25  Minuten,  14,w  Sekunden.  Die  Fluterhebung  und  die  Zeit
ihres  Eintritts  ist  durch  die  gegenseitige  Stellung  von  Sonne  und  Mond  zur  Erde  und
durch  die  größere  oder  kleinere  Entfernung  von  der  Erde  beeinflußt.  Zur  Zeit  des  Vollmonds ­
  und  des  Neumonds  stehen  Erde,  Mond  und  Sonne  in  gerader  Linie,  daher  ist
die  Flut  besonders  groß.  Man  nennt  sie  Springflut,  welche  durch  Sturm  zur
Sturmflut  gesteigert  werden  kann;  zur  Zeit  des  ersten  und  letzten  Mondviertels  tritt
dagegen  eine  besonders  schwache,  die  sogenannte  taube,  tote  oder  Nippflut  ein.  Die
Zeiten  des  Eintritts  von  Hochwasser  und  Niedrigwasser  erleiden  einen  periodischen
Wechsel  in  der  Weise,  daß  diese  Wasserstände  am  folgenden  Tage  je  1 I 3 —l l ) 2  Stunden
später  eintreten  als  am  vorhergehenden.
Der  Verlauf  der  Fluten  ist  nicht  überall  derselbe;  die  Gestaltung  der  Ozeane  und
der  Küsten  ist  von  Einfluß  auf  ihn.  Durch  das  Anlaufen  der  Flutwelle  an  die  Küste
tritt  eine  Aufstauung  und  Ablenkung  der  Wellen  ein;  die  abgelenkten  Wellen  durchdringen
sich  und  laufen  so  lange  weiter,  bis  ihre  lebendige  Kraft  durch  Winde,  Anlaufen  an  die
Küste  und  entgegengesetzte  Strömungen  gebrochen  ist.  Auch  durch  die  Einwirkung  des
Windes  wird  die  Flutwelle  stark  beeinflußt;  ein  mit  der  Richtung  der  Flutwelle  wehender
Wind  vermehrt  ihre  Höhe  und  ihre  Geschwindigkeit,  und  zwar  ist  dieser  Einfluß  um  so
größer  an  den  Enden  allmählich  sich  verengender  Buchten  und  bei  sonst  geringer  Fluthöhe,
wie  dies  z.  B.  an  der  deutschen  Nordseeküste  der  Fall  ist,  während  bei  größerer  Fluthöhe, ­
  an  der  englischen  und  nordfranzösischen  Küste,  dieser  Einfluß  viel  geringer  ist.
Wie  groß  die  Flutgröße,  d.  h.  der  Unterschied  zwischen  dem  höchsten  und  niedrigsten
Wasserstande  im  offenen  Meere  ist,  konnte  noch  nicht  ermittelt  werden,  man  kennt  nur  die
Flutgröße  an  den  Küsten  des  Festlandes  und  an  den  Inseln;  jedenfalls  ist  die  Flutgröße
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