Full text : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Flußkanalisierungen.

Flußkanalisierungen.
Neben  den  eigentlichen  künstlich  gegrabenen  Kanälen,  auf  welche  in  einem  besonderen
Abschnitt  näher  eingegangen  werden  wird,  gewinnen  in  neuerer  Zeit  die  kanalisierten
Flußläufe  eine  erhöhte  Bedeutung.  Zu  diesem  Mittel  greift  man  dann,  wenn  eine
Austiefung  des  Flußbettes  infolge  ungenügender  Wassermenge  nicht  zu  dem  gewünschten
Ziele  führen  würde,  d.  h.  durch  Regulierung  eines  Flusses  sich  dessen  Schiffbarkeit  nicht
genügend  verbessern  läßt.  Man  staut  deshalb  durch  Einbaue,  meistens  Wehre  mit  Durchlässen, ­
  das  Wasser  so  hoch,  wie  erforderlich  ist,  an.
Das  Bedürfnis,  die  Fahrtiefe  künstlich  zu  vergrößern,  machte  sich  in  Deutschland
bereits  im  Mittelalter  geltend,  und  um  so  stärker,  als  damals  die  Schiffahrt  sich  auf  ganz
kleine  Flüsse  erstreckte.  Im  allgemeinen  verfuhr  man  hierbei  in  der  Weise,  daß  man  den
Wasserspiegel  durch  bewegliche  Stauwerke  hob  und  den  thalwärts  gehenden  Schiffen  durch
Freigeben  des  aufgestauten  Wassers  eine  genügende  Wassermenge  mitgab.  Eine  derartige
Schiffahrtsweise  hat  sich  seit  dem  Mittelalter  auf  der  Alster,  einem  bei  Hamburg  mündenden ­
  Nebenfluß  der  Elbe  erhalten,  während  die  ähnlichen  Fahrten  auf  der  Stecknitz
(einem  kleinen  Nebenfluß  der  Elbe,  der  bei  Lauenburg  mündet)  durch  die  Inangriffnahme
des  Trave-Elbekanals  ihr  Ende  erreicht  haben.
Immer  wieder  muß  von  der  Abneigung  der  Menschheit  gegen  jede  Neuerung  berichtet
werden,  und  stets  wiederholte  sich  dasselbe  Schauspiel  der  Voreingenommenheit  und  der
Furcht,  durch  Neuerungen  schwer  geschädigt  zu  lverden.  So  hatte  auch  die  Einrichtung
eines  Schiffsverkehrs  auf  der  Weser  mit  unglaublichen  Schwierigkeiten  zu  kämpfen,
namentlich  gelang  es  der  Bremer  Kaufmannschaft  nur  sehr  schwer,  die  Menschenkraft  beim
Schiffsziehen  durch  Pferdekräfte  zu  ersetzen.  Die  Bauern  behaupteten,  daß  die  Pferde
ihnen  ihre  Wiesen,  Deiche  und  Felder  ruinierten,  und  die  großen  Grundbesitzer  machten
Opposition,  da  sie  glaubten,  daß  die  Ausdehnung  des  Handels  ihnen  die  Preise  verderbe.
Erst  im  Jahre  1824  wurde  durch  die  Weserschiffahrtsakte  der  Pferdezug  legalisiert.  Die
Beschaffenheit  des  Fahrwassers  verursachte  in  früherer  Zeit  ernste  Schwierigkeiten,  zum  Teil
war  der  Flußlauf  verwildert,  zum  Teil  durch  Felsblöcke  gesperrt.  Bei  Hameln  bot  das  für
den  Lachsfang  eingerichtete  Wehr  der  Schiffahrt  große  Gefahren.  Es  kam  sehr  häufig  vor,
daß  hier  bei  dem  Passieren  des  Wehres  die  Schiffe  durchbrachen  und  alsdann  die  kostbare
Ladung  ins  Wasser  fiel.  Endlich  wurde  im  Jahre  l  734  neben  dem  Hamelner  Wehr  eine
Schleuse  erbaut,  nachdem  seit  dem  Jahre  1648  die  Erbauung  einer  solchen  in  Überlegung
gezogen  war.  Bezeichnenderweise  ist  auf  der  zur  Erinnerung  an  dieses  Ereignis  geschlagenen
Denkmünze  die  Stadt  Hameln  mit  der  auf  der  Insel  im  Weserstrom  erbauten  Schleuse,
wie  auch  mit  der  Fiehre  oder  dem  Loch,  in  welchem  ein  herabstürzendes  Fahrzeug  durch
die  gewaltsame  Flut  verunglückt,  dargestellt.  Durch  die  Schleuse  neben  dem  Wehr  erhielt
die  Weser  gleichsam  den  Charakter  eines  kanalisierten  Flußlaufes.
Zu  den  in  neuester  Zeit  in  Deutschland  kanalisierten  Flußläufen  gehören  die  Mosel,
die  Fulda,  der  Main  und  neuerdings  die  Oder.  Die  kanalisierte  Strecke  des  Mains
von  seiner  Mündung  bis  Frankfurt  a.  M.  wurde  am  16.  Oktober  1886  dem  Verkehr
übergeben.  Die  durchschnittliche  Wassertiefe  beträgt  2  in  und  ist  ausreichend,  um  den  auf
dem  Rhein  verkehrenden  Schiffen  bis  über  1000  t  Tragfähigkeit  die  Fahrt  bis  Frankfurt
zu  ermöglichen.  Der  Mainverkehr  hat  sich  seit  Eröffnung  der  kanalisierten  Flußstrecke
ganz  außerordentlich  stark  gehoben.  Im  Jahre  1897  ist  zwischen  Hessen  und  Preußen
ein  Vertrag  über  die  Fortsetzung  der  Kanalisierung  des  Mains  abgeschlossen  worden,  und
die  Hoffnung  besteht,  daß  sich  dieselbe  allmählich  immer  weiter  den  Main  hinauf  erstrecken
wird.  —  Im  Jahre  1897  wurde  nach  jahrelanger  mühevoller  Arbeit  der  Großschiffahrtsweg ­
  von  Breslau  seiner  Bestimmung  übergeben.  Durch  zweckmäßige  Regulierungsarbeiten
und  kluge  Ausnutzung  der  Wassermengen  ist  es  gelungen,  die  Oder  bis  nahezu  in  das
^Gebiet  des  industriereichen  Montanbezirkes  Oberschlesiens  zu  einem  nützlichen  Verkehrswege ­
  umzugestalten.  Von  Kosel  bis  unterhalb  Oppeln  ist  die  Oder  in  einer  Länge  von
V0  km  kanalisiert.  Die  Überführung  der  Eisenbahngüter  auf  die  Wasserstraße,  d.  h.  der
            
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